a:2:{s:4:"unit";s:2:"h1";s:5:"value";s:52:"Grußwort des Oberbürgermeisters der Stadt Freiburg";}

In dem vor einigen Jahren erschienenen Buch „Leben auf Abruf“ berichtet die Historikerin Kathrin Clausing über die Geschichte der 1863 gegründeten Jüdischen Gemeinde. 1870 war der Bau der Synagoge Ausdruck von Freiheit und bürgerlichem Selbstbewusstsein, war auch ein Zeichen der Anerkennung und Integration in die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Das Wort des Stadtrabbiners Dr. Levin von 1890 macht deutlich, wie sehr in dieser Zeit jüdisches Leben in Freiburg verankert war:

 

„So fühlen wir uns nicht als Fremde, werden auch nicht als solche angesehen. In Eintracht, in Frieden, in stets zunehmender Vereinigung mit allen Bürgern fühlen wir uns als Kinder dieser Stadt, die uns zur Heimat geworden ist!“

 

Diese Blütezeit der Jüdischen Gemeinde endete 1933 mit dem Terrorregime der Nazis. 1938 wurde die Synagoge in der Reichspogromnacht in Brand gesteckt und zerstört. Unsere Archive kennen die Namen von weit mehr als 1000 Menschen, die zwischen 1933 und 1945 in Freiburg verfolgt, deportiert oder ermordet wurden, nur weil sie Juden waren.

 

Vor genau 25 Jahren, am 5. November 1987, wurde die neue Synagoge in der Nussmannstrasse eingeweiht. Diese 25 Jahren waren eine Zeit des dynamischen Wandels und Wachsens von damals rund 200 Mitgliedern zu einer Gemeinschaft von mehr als 700 Menschen. Durch Einwanderer aus vielen Nationen ist die Gemeinde vielschichtiger, bunter und jünger geworden, und in ihr haben andere und neue kulturelle Erfahrungen und Sichtweisen, weit mehr als noch vor einem Vierteljahrhundert, Platz gefunden. Damit haben sich in Freiburg wieder jüdisches Leben und jüdische Kultur in nahezu gleicher Dimension etabliert, wie sie bis zum Beginn der Nazidiktatur bestanden und am Werderring eine eigene Heimstatt hatten.

 

Der 25. Jahrestag der Eröffnung gibt Anlass, innezuhalten und an die Opfer von Rassenwahn, Verfolgung und Vertreibung zu erinnern. Gewiss konnte das neue Haus niemals Mordtaten, Verbrechen und Vertreibungen wieder „gut“ machen. Aber sie hat der wachsenden Gemeinde wieder eine geistige Mitte und eine Heimat gegeben, wie die alte Synagoge dies 68 Jahre gewesen war. Für die ganze Stadt ist die Synagoge ein Ort der Begegnung, des Dialogs und des Verstehens geworden, ohne das jede Verständigung ein leeres Wort bleiben muss.

 

Ich wünsche allen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde, dass das Wort von Stadtrabbiner Levin auch heute wieder gültig ist. Im Namen der Stadt Freiburg und der Freiburger Bürgerschaft wünsche ich der Gemeinde alles Gute, eine glückliche Entwicklung und eine erfolgreiche Zukunft!

 

Dr. Dieter Salomon

Oberbürgermeister