Gedenktag am 9. November 2011

Dimitri Tolkatsch

 

Am 9. November 2011 jährte sich das Verbrechen der Reichskristallnacht zum 73. Mal. Auch in diesem Jahr veranstaltete die Israelitische Gemeinde Freiburg eine Reihe von Gedenkveranstaltungen in Gedenken an die Opfer der NS-Gewaltherrschaft.

 

In diesem Jahr stand das Gedenken im Zeichen des Massakers vom Babij Jar, das sich Ende September zum 70. Mal jährte. Am 29.-30. September 1941 ermordeten die deutschen Besatzungstruppen mit der Unterstützung ukrainischer Hilfspolizisten über 33 000 Juden in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Als Ort des Massakers wurde der Graben Babij Jar außerhalb des damaligen Stadtgebiets ausgewählt. Alle Opfer, größtenteils Frauen, Kinder und Greise, wurden mit Maschinengewehrfeuer umgebracht. In weiteren Erschießungsaktionen wurden bis zum 12. Oktober ungefähr 51 000 Juden umgebracht, fast die gesamte jüdische Bevölkerung der Stadt, die nicht vor dem Einmarsch der deutschen Truppen bereits geflohen war. Keiner der beteiligten Wehrmachtsoffiziere musste sich je vor Gericht für diese Greueltaten verantworten.

 

Am 9. November 2011 wollte die Israelitische Gemeinde Freiburg den Blick der Öffentlichkeit auf dieses im Westen kaum bekannte Ereignis des Holocaust lenken, das zu den größten Massenmorden des Zweiten Weltkrieges gehört. Dazu wurden in Zusammenarbeit mit der Freiburger Hilfsorganisation S'Einlädele zwei Überlebende des Holocausts in der Ukraine und der Tragödie von Babij Jar aus Kiew nach Freiburg eingeladen: Vasyl Mykhaylovskyy und der Historiker Borys Zabarko, Vorsitzender der Ukrainischen Vereinigung der jüdischen ehemaligen Häftlinge der Ghettos und NS-KZs. Die beiden über 70 Jahre alten Zeitzeugen hatten ein anspruchsvolles mehrtägiges Programm zu bewältigen, wozu neben einem Treffen mit Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach, Gedenkveranstaltungen auf dem Jüdischen Friedhof Elsässerstr. und Platz der Alten Synagoge sowie einem Schülergespräch am nächsten Tag auch eine Podiumsdiskussion im Gertrud-Luckner-Saal der Israelitischen Gemeinde gehörte.

 

Das Zeitzeugengespräch wurde von Prof. Dr. Erhard Roy Wiehn aus Konstanz und Dr. Pavel Polian aus Freiburg moderiert und von einem musikalischen und Literaturrahmenprogramm durch das Theater "K" (Leitung: Christine Kallfaß) untermalt.

 

Die Anwesenden konnten die Überlebensgeschichte von Vasyl Mychaylovskyy erfahren, der als Kind im letzten Augenblick der Erschießung in Babij Jar entkommen konnte und den ganzen Krieg hindurch in einem Waisenheim versteckt wurde. Bei der Diskussion mit Herrn Zabarko kam heraus, dass das Massaker von Babij Jar nicht nur in Deutschland weitgehend unbekannt geblieben ist, sondern auch der ukrainische Staat sich mit der Erinnerung und Aufarbeitung der Tragödie äußerst schwer tut. Nicht zuletzt liegt das wohl auch an der Beteiligung der ukrainischen Hilfspolizisten am Massenmord, was in das nationalhistorische Narrativ nicht hineinpasst. Manche Anwesenden äußerten auch ihren Unmut darüber, dass die jüdischen Gemeinden, v.a. in der Ukraine, nichts oder zu wenig für die Aufarbeitung der Schoa in der ehemaligen UdSSR getan haben. Erst in den letzten Jahren sind einige Bücher sowohl in der Ukraine wie auch in Deutschland veröffentlicht worden, die die Ereignisse aus der Sicht der Schoaüberlebenden schildern.

 

 

Im Videoarchiv finden Sie die Filmaufnahmen der Gedenkveranstaltungen zum 9. November 2011.

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