Kulturelle Vielfalt in der Synagoge

Europäischer Tag der Jüdischen Kultur in der Israelitischen Gemeinde Freiburg

 

Roswitha Strüber

 

Ein hochklassiges Konzert zu Beginn und ein nicht weniger begeisternder Auftritt einer Kantorin als Abschluss waren die Eckpfeiler des diesjährigen Aktionstages der Jüdischen Kultur, den die Israelitische Gemeinde Freiburg für Sonntag. den 14. September vorbereitet hatte. Bereits zum 15. Mal wurde dieser Tag, der jährlich im September stattfindet, von zahlreichen jüdischen Gemeinden und Institutionen in Deutschland und im europäischen Ausland durchgeführt. So auch von der Freiburger Israelitischen Gemeinde, die für ein vielfältiges und abwechslungsreiches Programm gesorgt hatte. Am Eröffnungsabend überbrachte Stadtrat Nikolaus von Gayling die Grüße der Stadt Freiburg den Anwesenden.

 

Als Auftakt- und Vorabendveranstaltung hatte der Vorstand mit seiner Vorsitzenden Irina Katz für Sonnabend, den 13. September ein Konzert mit der israelischen Sängerin Einat Betzalel organisiert. In Israel in einem Kibbuz geboren und an der Rimon School for Jazz and Contemporary Music in Tel Aviv ausgebildet zählt Einat Betzalel zu den erfolgreichsten Künstlerinnen Israels. Heute lebt sie in Basel. Mit ihrem Partner Hakim Boukhit, einem weltbekannten Gitarristen und Produzenten, nahm sie die Zuhörerinnen und Zuhörer mit auf eine musikalische Reise durch Israel. In ihrem weitgespannten Repertoire an jüdischen Volksliedern und Gebeten standen die Themen von Toleranz und Freiheit im Mittelpunkt. Fasziniert von ihrer großartigen und ausdrucksstarken Stimme spendete das Publikum viel Beifall und Anerkennung.

 

 

In Vertretung der Vorstandsvorsitzenden Irina Katz, die an diesem Wochenende leider verhindert war, eröffnete Michael Kimerling, Mitglied des Gemeindevorstandes, am Sonntagmorgen den Aktionstag. Er begrüßte im Synagogenraum die Anwesenden und insbesondere Herrn Stadtrat Prof. Dr. Lothar Schuchmann als Vertreter des Freiburger Gemeinderats. Er bat eine Mitarbeiterin, in die einzelnen Veranstaltungen des Tages einzuführen und die Struktur der Freiburger Gemeinde und ihre zahlreichen Aufgabenfelder vorzustellen. Nachdem der neue Kantor der Gemeinde Elkana Hayoun verschiedene Lieder und liturgische Gesänge vorgetragen hatte und mit seiner charaktervollen Stimme die Zuhörerinnen und Zuhörer beeindrucken konnte, öffnete Michael Kimerling die Thoranische und lud die Besucher ein, die Schriftrollen aus der Nähe zu betrachten. Nach sorgfältiger Enthüllung einer der kostbaren  Rollen sang der Kantor für die Anwesenden den Schrifttext der vergangenen Woche vor und machte so ein wenig von der Spiritualität des jüdischen Gottesdienstes erlebbar.

 

   

 

Am späten Vormittag lud Ruben Frankenstein, Universitätsdozent für hebräische Sprache und Literatur, zu einer Führung durch die Altstadt ein, die den noch verbliebenen Spuren eines koscheren Freiburgs nachging. Entsprechend lautetet auch das Motto "Henny Schmuckler oder das koschere Freiburg damals und heute".

 

 

Auf seinem Gang informierte Ruben Frankenstein recht anschaulich über die strengen jüdischen Speisevorschriften und die gastronomischen Möglichkeiten, die jüdische Menschen vom 19. Jahrhundert an in Freiburg vorgefunden haben. Eine besondere Rolle spielte dabei der Hotel- und Restaurantbetrieb von Henny Schmuckler in der Erbprinzenstraße, einer der ersten in der Stadt. Charmanterweise beließ es Ruben Frankenstein nicht bei seinen theoretischen Ausführungen. An einem ruhigen Platz in einem Innenhof waren Schabbatbrot und dazu koscherer Wein gerichtet, woran sich die freudig überraschten Teilnehmer stärken konnten.

 

 

Bei einer weiteren Führung am frühen Nachmittag wurden die Anwesenden auf eine Zeitreise mitgenommen. Zu diesem Veranstaltungsteil konnte der Bürgermeister von Freiburg, Ulrich von Kirchbach, begrüßt werden. Im Rahmen einer Schauspielführung begegnete die Freiburger Darstellerin Natalia Herrera-Szanto den zahlreich erschienenen Teilnehmerinnen und  Teilnehmern in der Rolle einer jungen verheirateten jüdischen Frau im Jahre 1940. Es ist der 22. Oktober und sie hat wie viele andere Freiburger Juden von den NS-Organen den Befehl bekommen, sich zu einer bestimmten Zeit an einer festgelegten Sammelstelle einzufinden. Mit wenigen Habseligkeiten ist sie gerade auf dem Weg dorthin, wo der Abtransport ins Konzentrationslager Gurs erfolgen wird. Auf ihrem Gang durch die Stadt kommen der jungen Frau viele Erinnerungen ins Gedächtnis, die sie den Teilnehmern in zum Teil berührenden Szenen mitteilt. Es sind Gedanken an Ereignisse in den vergangenen Monaten und Jahren, in denen die Willkürherrschaft der Nazis immer bedrohlicher wurde, es sind aber auch historische Geschehnisse aus der Stadtgeschichte seit dem Mittelalter, die für die jüdischen Bewohner von existentieller Bedeutung waren. Kurz vor Erreichen der Sammelstelle verabschiedet sich die junge Frau von jedem einzelnen persönlich und lässt eine emotional tief bewegte Teilnehmergruppe zurück.

 

 

   

 

Am Nachmittag hatten die Besucherinnen und Besucher Gelegenheit, an der Ausstellungseröffnung der Bilder und Buchillustrationen des Buches "Zimmer frei im Haus der Tiere" von Leah Goldberg mit den Künstlerinnen Myriam Halberstam und Nancy Cote teilzunehmen. Im Anschluss hieran veranstalteten Myriam Halberstam, in Berlin lebende amerikanische Journalistin und Kinderbuchautorin, und Nancy Cote, ebenfalls aus den USA stammende Kinderbuchillustratorin, im Gemeindezentrum einen Zeichenworkshop für Kinder. Mit großer Begeisterung folgten die teilnehmenden Mädchen und Jungen den zunächst vorgelesenen Buchgeschichten und zeichneten später mit Unterstützung der beiden Künstlerinnen verschiedene Szenen und Figuren aus den Erzählungen nach. Stolz und zufrieden durften alle Kinder ihre selbstgefertigten kleinen Kunstwerke nach Hause tragen.

 

   

 

   

 

Zum Abschluss des Kulturtages gastierte Sofia Falkovitch im großen Gertrud-Luckner-Saal des Gemeindezentrums. Ausgebildet als Mezzosopranistin besuchte sie das Abraham Geiger Institut in Potsdam und schloss dort als erste Frau in Deutschland den Kantorenstudiengang erfolgreich ab. Aus ihrem weit gespannten Repertoire präsentierte die Künstlerin neben Gesangsstücken aus klassischer und moderner Musik vor allem liturgische Lieder aus der Synagoge, deren variationsreiche Interpretationen die Zuhörerinnen und Zuhörer immer wieder faszinierten. Mit großem Applaus wurden Sofia Falkovitch und ihre Begleiterin am Flügel Lidia Kalendareva vom begeisterten Publikum verabschiedet.

 

 

 

 

 

 

 

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