22. Oktober - Tag der Trauer und des Gedenkens

Roswitha Strüber

 

Alljährlich im Oktober ist das Mahnmal mit dem abgelegten Mantel am Aufgang der Fußgängerbrücke am Freiburger Hauptbahnhof ein Ort, an dem sich Bürger, Mitglieder der israelitischen Gemeinde und Vertreter der Stadt Freiburg einfinden, um miteinander und gemeinsam ein schreckliches und Menschen verachtendes Geschehen zu erinnern. Am 22. Oktober 1940 wurden rund 450 Freiburger Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens auf Befehl der örtlichen Gauleitung in den frühen Morgenstunden am Freiburger Hauptbahnhof zusammengetrieben und mit zahlreichen anderen jüdischen Menschen aus Baden und der Pfalz in das südfranzösische Internierungslager Camp Gurs deportiert. Viele von ihnen starben dort als Folge unmenschlicher Haftbedingungen an Hunger und Krankheit, die übrigen wurden weitertransportiert in andere Vernichtungslager der Nationalsozialisten, vornehmlich nach Auschwitz. Auch in diesem Jahr hatte die Israelitische Gemeinde zu einem Gedenken vor dem Mahnmal, das die Stadt Freiburg im Jahre 2003 gestiftet hatte, am Nachmittag des 22. Oktober eingeladen. Mit dem Niederlegen eines Blumengebindes durch den Gemeindevorstand, dem Sprechen des Kaddisch durch Kantor Hayoun und verschiedenen Gedenkansprachen wurde den Opfern des Nazi-Terrors in würdiger Weise gedacht.

Als Gast konnte die Vorstandsvorsitzende Irina Katz an diesem Tag den Historiker Jean-Francois Mavel aus Toulouse begrüßen, der im weiteren Verlauf des Nachmittags im Gemeindesaal der israelitischen Gemeinde in einem Vortrag aus der Vielzahl der Lebensschicksale jüdischer Nazi-Opfer an zwei Männer erinnerte, mit deren Biographie er sich in besonderer Weise beschäftigt hat. Julius Bloch, geboren 1874 und Mitglied der jüdischen Gemeinde, lebte in Freiburg bis zu seiner Deportation 1940 nach Gurs, und Jean Philippe, Polizeikommissar in Toulouse, verweigerte die Zusammenarbeit mit dem Vichy-Regime, wurde nach Freiburg verbracht und 1943 in Karlsruhe hingerichtet.

Aus der Zusammenschau beider Lebensbilder entwickelte Jean-Francois Mavel die Idee einer "Brücke der Erinnerung", die über Ländergrenzen hinweg ein gemeinsames Bewusstsein schaffen soll für die Nazi-Verbrechen der Vergangenheit. Der Vorstand der israelitischen Gemeinde Freiburg fördert und unterstützt diese Initiative nachdrücklich.

 

Am Abend gastierten die Theaterschauspielerin und Synchronsprecherin Marina Kalmykova und ihr Partner, der Schauspieler und Regisseur Igor Khokhlovkin (Hochlowkin) im großen Gertrud-Luckner-Saal des Gemeindezentrums und spannten mit ihren Texten und Gesangsstücken einen Bogen von der Deportation jüdischer Männer und Frauen 1940 nach Camp Gurs bis zu den Massakern 1941 im ukrainischen Babi Yar, dem mehr als 33 000 jüdische Menschen durch die Hand der Nationalsozialisten zum Opfer fielen.

Als visuelle Vorbereitung und Einführung zu den Gedenkveranstaltungen am 22. Oktober hatte die Vorstandsvorsitzende Irina Katz bereits am Vorabend zu einer Filmvorführung mit dem Freiburger Filmemacher Bodo Kaiser in das Gemeindezentrum eingeladen. Kaiser zeigte aus seiner im Jahre 2003 entstandenen Widerstands-Trilogie die 60 minütige Dokumentation "Gerhard Leo, ein Deutscher in der französischen Resistance".

 

Darin beschreibt der Autor wichtige Stationen aus dem Leben des erbitterten Gegners des NS-Regimes, der sich 1942 dem französischen Widerstand angeschlossen hatte. Zugleich führt der Film zu Schauplätzen des historischen Geschehens in Paris und Südfrankreich, an denen sich ehemalige Resistance-Mitglieder wiedertreffen und über ihre Erfahrungen im Widerstand berichten. Im Jahr 2004 ernannte der damalige französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac Gerhard Leo für seine Verdienste zum Ritter der Ehrenlegion.

Im Anschluss an die Vorführung entwickelte sich ein lebhaftes Gespräch zwischen dem engagierten Filmemacher und den Besuchern, die dankbar die Gelegenheit zu zahlreichen Fragen wahrnahmen.

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