Israelitische Gemeinde Freiburg gedenkt der Reichspogromnacht 1938

Text: Roswitha Strüber

Foto: Vladislav Belinskiy

In diesem Jahr jähren sich die Reichspogrome von 1938 zum 76.Mal. In der Nacht vom 9. auf den 10. November zerstörten damals die Nationalsozialisten bei ihren gewalttätigen Maßnahmen gegen die Juden mehr als 1400 Synagogen, Bethäuser und Friedhöfe in Deutschland. Zur mahnenden Erinnerung rufen deshalb alljährlich Einrichtungen und Organisationen zu Gedenkveranstaltungen auf. Gemeinsam mit der Stadt Freiburg und verschiedenen anderen Institutionen gestaltete die Israelitische Gemeinde Freiburg am späten Nachmittag des 9. November eine Gedenkstunde für die Opfer der nationalsozialistischen Willkürakte am Platz der Alten Synagoge. Als Vertreter der Stadt Freiburg rief Bürgermeister Professor Martin Haag in seiner Ansprache den zahlreichen Anwesenden nochmals das verbrecherische Vorgehen der damaligen Machthaber mahnend ins Bewusstsein. Er erinnerte an das viele Jahrzehnte währende gute und harmonische Miteinander von jüdischen und nichtjüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern in Freiburg, bis der Nazi-Terror über die Stadt hereinbrach und mit der Vertreibung der Juden aus Freiburg, der Enteignung oder Zerstörung ihres Eigentums und der Brandschatzung der 1870 errichteten Synagoge grausam Gestalt annahm. Auch die weiteren Redebeiträge von Lukas Greber, Vertreter der VVN, von Pastor Hans-Martin Renno, Pfarrer der Evangelisch-Methodistischen Kirche, von der Rabbiner-Studentin Diane Lakein aus den USA und von Katrin Dengler erinnerten an die für die jüdische Bevölkerung so leidvolle Vergangenheit, forderten aber zugleich auf, sensibel und wachsam zu sein, dass derartiges Unrecht zukünftig nicht wieder geschehen kann. Zum Abschluss der Gedenkveranstaltung trug Elkana Hayoun, Kantor der Israelitischen Gemeinde Freiburg, das “El male rachamim“ und das „Kaddisch“ vor zum Gedenken an alle Opfer des Holocaust.

Für den Abend hatte die Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde Irina Katz in das Gemeindezentrum zur Einweihung einer Porträtplastik von Gertrud Luckner eingeladen. Zur Erinnerung an sie trägt der große Saal des Gemeindezentrums bereits den Namen der Freiburger Ehrenbürgerin. Selbstlos hatte Gertrud Luckner jüdische Mitbürger vor den Nachstellungen der Nationalsozialisten in Sicherheit gebracht und deshalb von der Israelischen Gedenkstätte Yad Vashem den Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ zuerkannt bekommen. Mit der Enthüllung des Bildnisses durch Stadtrat Michael Moos und durch den Künstler Miron Lvov-Brodsky selbst möchte die Israelitische Gemeinde Freiburg auch sichtbar ihre tiefe Verbundenheit und ihren hohen Respekt gegenüber der unerschrockenen Persönlichkeit Gertrud Luckners dokumentieren. Nach dieser kurzen, würdevollen Zeremonie, in der durch die Einspielung eines originalen Tondokumentes auch die Stimme Gertrud Luckners zu hören war, wies Franz Brockmeyer, Kurator der Getrud-Luckner-Bibliothek an der gleichnamigen Freiburger Gewerbeschule, auf die große Bedeutung des Bibliotheksnachlasses von Getrud Luckner für die Israelitische Gemeinde und die Stadt Freiburg hin.

 

Mit besonderer Herzlichkeit hieß Irina Katz nochmals Stadtrat Michael Moos willkommen, der in Vertretung von Oberbürgermeister Dr. Dieter Salomon die Grüße und guten Wünsche der Stadt Freiburg überbrachte. Dabei erinnerte Moos stellvertretend für unzählige andere jüdische Familien mit bewegenden Worten an die schicksalhaften Erlebnisse seiner eigenen Eltern und Großeltern, die als jüdische Bürgerinnen und Bürger unter dem Nazi-Terror gelitten haben. Mit dem nachdrücklichen Appell, die Erinnerungen an das schreckliche Geschehen der Vergangenheit niemals zu vernachlässigen, beschloss Michael Moos seinen Wortbeitrag.

In dem folgenden Vortrag erinnerte Marlies Meckel, die Mitinitiatorin der „Stolperstein-Initiative“, an Abraham Kuflik, ehemaliger Kantor und Religionslehrer der Freiburger Jüdischen Gemeinde, und an weitere 137 jüdische Männer aus Freiburg und Umgebung, die in den Tagen um den 9. November 1938 verhaftet und deportiert worden sind. Für einige von ihnen und ihren Familien wurden bereits bzw. werden in nächster Zeit Stolpersteine in die Freiburger Pflasterung eingebracht.

Mit einem außergewöhnlichen Konzert beschloss die Israelische Gemeinde den Gedenktag zum 9. November 1938. Die Vorstandsvorsitzende Irina Katz hatte zu diesem Anlass den international bekannten und renommierten russisch-israelischen Pianisten Roman Zaslavsky eingeladen, der bereits in vielen Konzertsälen der Welt gastiert hat. Mit seiner meisterhaften Beherrschung der Klaviertechnik und seiner vollendeten Virtuosität begeisterte der junge Künstler das Publikum. Seine Interpretationen der ausgewählten Stücke von Robert Schumann und Franz Liszt werden den zahlreichen Besuchern unvergesslich bleiben.

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