Das jüdische Pessach-Fest hat begonnen – auch in der jüdischen Kita Shalom

Das jüdische Pessach-Fest hat begonnen – auch in der jüdischen Kita Shalom, wo gleichzeitig noch ein bisschen Ostern gefeiert wird.

 

von Anja Bochtler

 

Quelle: Badische Zeitung

 

Die Christen stecken mitten in der Karwoche und den Ostervorbereitungen, die Juden haben schon zu feiern begonnen: Gestern war der erste Tag des Pessachfestes, es dauert insgesamt eine Woche. Die Kinder in der jüdischen Kita Shalom des Jugendhilfswerks auf dem ehemaligen Güterbahnhofsgelände feiern mit – gleichzeitig gibt’s bei ihnen aber auch ein bisschen Ostern.

Wo können sich Brotkrumen verstecken? Auf dem Tisch, in den Ritzen – einfach überall. Moriké (4), Juan (5) und Jermaine (5) kehren ihre Kita-Küche gründlich. Sie haben dafür bunte Federn bekommen, Graziella Schwarz hat sie verteilt. Sie hat ihnen und den anderen Kindern erklärt: An Pessach darf nirgends mehr gesäuertes Brot sein. Alles Gesäuerte heißt Chametz. Und alles, was Chametz ist, muss verschwinden.

Das gilt auch für den Kühlschrank, darum öffnet Moriké die Kühlschranktür. Da gibt’s – neben Bananen, Marmelade und Speiseöl – tatsächlich noch eine Scheibe Brot. Graziella Schwarz steckt sie schnell in ihre Dose, wo sie alle Chametz-Dinge sammelt, um sie später zu verbrennen. Denn als die Juden aus der Sklaverei in Ägypten auszogen, konnten sie ihr Brot in der Eile nicht säuern lassen. Darum ist an Pessach, dem Fest, das an diesen Aufbruch erinnert, nur ungesäuertes Brot erlaubt: Matzen – von der Jüdischen Gemeinde hat die Kita kürzlich welche geschenkt bekommen.

 

Auch zum Pessachfest gehören Eier


Ostern oder Pessach? Hier gibt’s beides: Im Treppenhaus der Kita Shalom steht ein Strauch mit bunten Ostereiern, in den vergangenen Tagen haben die Kinder Osterkresse gesät und Eier gefärbt, am Donnerstag findet ein Osterfrühstück statt.

Im Singkreis singen alle das Lied von Stups, dem kleinen Osterhasen, bei dem immer alles schief geht: Die Ostereier steckt er in den Schuh von Frau Maier und in der Osterhasenschule fällt ihm ein Farbtopf auf den Kopf.

Doch das nächste Lied ist ganz anders. Es heißt "Dayenu", das ist Hebräisch und heißt übersetzt ungefähr: Es ist mehr als genug. Das bezieht sich auf die Wunder, die Gott für die Juden geschehen ließ, erklärt Graziella Schwarz – zum Beispiel bei der Flucht aus Ägypten. Auch ein Wunder wäre schon eine Sensation gewesen – aber es waren viele. Sie zeigt den Kindern Bilder aus einem Pessach-Buch. Die meisten tippen auf dieselbe Stelle und rufen: "Ein Ei!"

Eier gehören nicht nur zum allen Kindern bekannten Ostern, sondern auch zu Pessach. Und zum Sederteller, den Graziella Schwarz im Esszimmer auf den Tisch legt, um ihn mit den Kindern vorzubereiten.

Obwohl die Kinder in eine jüdische Kita gehen, haben nur drei von ihnen jüdische Familien, darum sind die meisten nicht mit jüdischen Festen vertraut. Das ändert sich in der Kita, die seit ihrer Eröffnung im vergangenen Herbst bewusst auf die jüdische Kultur setzt.

Religion im engeren Sinne – mit Gebeten oder Gottesdienstbesuchen – spielt dabei keine Rolle, es geht um Kulturelles und das Brauchtum. Obwohl jüdische Feste Vorrang haben: Ostern und Weihnachten lassen sich nicht ausklammern, sagt die Kita-Leiterin Birgit Werner. "Wir wollen ja die Lebenswirklichkeit der Kinder aufgreifen."

 

Juan bastelt den Knochen für den Sederteller aus Papier


Und die wird mit Unbekanntem bereichert, so wie jetzt mit dem Sederteller. Er gehört zum Auftakt von Pessach.

Graziella Schwarz und ihre Kollegin Floris Wegerer haben alles mitgebracht, was für den Sederteller nötig ist – sechs verschiedene Dinge, die in die Vertiefungen des Tellers gelegt werden. Zuerst das Ei. Dann geben Merle (4) und Beata (3) etwas Petersilie dazu. Danach folgen bittere Kräuter, Meerrettich-Paste und Fruchtmus. Mit dem Knochen dauert es, denn es ist kein Lammknochen wie vorgesehen, sondern einer aus Papier: Juan muss ihn erst noch malen und ausschneiden. Ihm wäre ein echter Knochen lieber, darum verspricht er: "Morgen bringe ich einen mit, dann können wir nochmal feiern!"

Graziella Schwarz legt Matzen-Stücke in die Mitte, in ein Tuch gewickelt. Gleich wird sie den Kindern die Geschichte vom Auszug aus Ägypten erzählen, von den Fröschen, Heuschrecken, dem Hagel und den anderen der zehn Plagen, die sich gegen die Ägypter richteten – und von dem Wunder, dass den Juden die Flucht gelang. Alle nicht-jüdischen Erzieherinnen der Kita werden von ihren jüdischen Kolleginnen geschult, auch für die Eltern der Kinder gibt’s Info-Veranstaltungen.

Am Schluss gibt’s dann statt Wein Traubensaft – und das typische Pessach-Versprechen: "Nächstes Jahr in Jerusalem!" Oder doch wieder in der Kita Shalom?

 

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