Europäischer Tag der Jüdischen Kultur 2015 in der Freiburger Synagoge

Text und Fotografien: Roswitha Strüber

 

Eingerahmt von zwei hochklassigen Konzerten bot der Tag der Jüdischen Kultur am 6. September ein vielfältiges und interessantes Programm im jüdischen Gemeindezentrum an der Nußmannstrasse. Nun schon zum 16. Mal beteiligte sich die Gemeinde an diesem Aktionstag, der europaweit immer am ersten Septembersonntag von zahlreichen jüdischen Gemeinden und Organisationen durchgeführt wird.

 

Bereits am Vorabend, nach Ende des Shabbat, hatte die Vorstandsvorsitzende Irina Katz zu einem Eröffnungskonzert mit dem Kantor Nikola David und der Pianistin Stephanie Knauer eingeladen. David stammt gebürtig aus Serbien und hat seine musikalische Ausbildung an der Musikakademie in Novi Sad und am Konservatorium in Mainz erhalten. Seit 2013 ist er Kantor in München und Stuttgart, zugleich Lehrbeauftragter u.a. für jüdische Musik an der Hochschule Esslingen. Stephanie Knauer besuchte die Musikhochschule Augsburg/ Nürnberg und schloss ihr Studium 2003 mit dem Meisterklassendiplom ab. Seit einigen Jahren spielt sie u.a. auch in Jazz- und Klezmer-Formationen und ist Gründungsmitglied der Augsburger Klezmer-Gruppe „Feygele“.

 

Bevor der Kantor mit seinem musikalischen Vortrag begann, zelebrierte er das schöne und von den nicht jüdischen Gästen aufmerksam verfolgte Ritual der Hawdala, mit dem das Ende des Shabbat und der Übergang  zum Alltag der folgenden Woche angesagt wird. Die Segenssprüche über Wein, Gewürzkräuter und Kerzenlicht haben dabei sinnträchtige Bedeutung.

Liturgische Lieder u.a. von Louis Lewandowski, Max Janowski, Emanuel Kirschner und Josef Rosenblatt füllten den ersten Teil des Konzertprogramms, Lieder, die sämtlich aus der Vorkriegszeit stammen und leider nicht mehr so häufig heutzutage zu hören sind, wie Nikola David mit Bedauern feststellte. Im zweiten Konzertteil begeisterte der auch als Opern- und Oratoriensänger ausgebildete Kantor das Publikum mit Jiddischen Liebesliedern und Sefardischen Liedern, u.a. mit dem aus dem 15. Jahrhundert stammenden „Adio Kerida“, das Verdi seinerzeit adaptierte und für die Arie der Violetta in seiner „La Traviata“ bearbeitete. Mit großer Sensibilität und eigener musikalischen Ausstrahlung begleitete Stephanie Knauer die Liedvorträge am Flügel. Für die vielen anwesenden Zuhörerinnen und Zuhörer endete der erlebnisreiche Konzertabend mit dem gemeinsamen Lied „kol ha’olam kulo – die ganze Welt ist eine schmale Brücke“, das das Motto des diesjährigen Aktionstages „Brücken“ sinnfällig aufgriff und musikalisch interpretierte.

Mit einem kurzen, aber äußerst informativen Blick auf die besondere Situation der aus den verschiedenen Republiken der ehemaligen Sowjetunion zugewanderten Gemeindemitglieder eröffnete Irina Katz das Programm des folgenden Sonntags. Dabei verschwieg die Vorstandsvorsitzende auch nicht die Schwierigkeiten und Probleme, die sich vor allem den älteren Menschen durch die gänzlich anderen Verhältnisse und Lebensumstände in der neuen Heimat gestellt haben. Mit einer qualifizierten Sozialberatung bemüht sich die Gemeinde aber, Hilfen und Unterstützung in den verschiedenen Bereichen des täglichen Lebens zu geben.

 

Mit fundierter Sachkenntnis lies Ruben Frankenstein, Lehrbeauftragter für hebräische Sprache und Literatur an der Universität Freiburg, in seinem anschließenden Vortrag die Versammlungsräume Revue passieren, die die jüdischen Bürger Freiburgs im Laufe der Stadtgeschichte für ihre religiösen Veranstaltungen genutzt haben. Nach Frankensteins Recherchen waren es vom Ende des 14. Jahrhunderts an bis in die Jetztzeit zehn Bethäuser oder Synagogen, die in der Stadt zu lokalisieren sind. Die heutige Synagoge wurde feierlich am 5. November 1987 eingeweiht und ist mit dem integrierten Gemeindezentrum ein lebendiger Mittelpunkt des jüdischen religiösen und kulturellen Lebens in der Stadt. Mit besonderem Interesse folgten die Besucherinnen und Besucher Frankensteins Ausführungen über sogenannte Hochzeitssteine, die vor allem im 18. und 19. Jahrhundert eine wichtige Bedeutung im jüdischen Hochzeitszeremoniell hatten. Dabei handelt es sich um kunstvoll ausgearbeitete Reliefsteine, häufig mit einem Davidsstern verziert, die an der nördlichen Außenseite der Synagogen eingelassen waren. Der Brauch, der allerdings nur im süddeutschen Raum beheimatet war, schrieb vor, dass der Bräutigam nach der Eheschließung ein Glas gegen den Hochzeitsstein zu werfen hatte. Möglicherweise sollte damit an die Zerstörung des Jerusalemer Tempels erinnert werden.

Einen bemerkenswerten Gang durch verschiedene Bereiche des Jüdischen Glaubens und Lebens  unternahm Dr. Peter Wallach mit den zahlreichen Besucherinnen und Besuchern, unter ihnen auch Stadtrat Nikolaus von Gayling, die in die Synagoge gekommen waren. Mit seinem Charme und klarem Erzählstil gelang es Wallach überzeugend, den Anwesenden die wesentlichen Grundlagen des Judentums verständlich zu vermitteln.

 

Mit Blick auf das diesjährige 50 jährige Bestehen der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel referierte am Nachmittag der langjährige ehemalige Vorsitzende des Freundeskreises Freiburg – Tel Aviv/Yaffo Johannes Reiner auf Einladung des Vorstandes in einem Diavortrag über Israel und seine besonderen Herausforderungen hinsichtlich der umliegenden arabischen Nachbarstaaten. In den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellte Reiner jedoch die Kultur und Natur des von ihm häufig bereisten Landes und konnte mit seinen Bildern auch ein Stück weit die Faszination der so unterschiedlichen Landschaften seinen Zuhörerinnen und Zuhörern erlebbar machen. Vor seinem Vortrag hatte Johannes Reiner bereits eine von ihm initiierte Fotoausstellung im Treppenhaus des Gemeindezentrums eröffnet und mit seinen profunden Kenntnissen kommentiert. 

Im Anschluss an die nachmittäglichen Vorträge und gleichzeitig als Ausklang des diesjährigen Europäischen Tages der jüdischen Kultur wartete ein besonderes musikalisches Erlebnis auf die Besucherinnen und Besucher. Eine vielstimmige Chorformation, gebildet aus den Mitgliedern der Gemeindechöre Karlsruhe und Freiburg, hatte ein abwechslungsreiches Liedprogramm, darunter eine besonders schöne Auswahl jiddischer Lieder, zusammengestellt und arrangiert. Mit viel Begeisterung folgte das Publikum den einzelnen Liedbeiträgen und bedachte die Sängerinnen und Sänger, insbesondere auch die Solisten, mit großem Applaus. Als sichtbares Dankeschön für den engagierten Beitrag überreichten die Vorstandsvorsitzende Irina Katz und ihre Mitarbeiterinnen allen Chormitgliedern eine rote Rose.

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