Gedenkfeier anlässlich der Deportation Badischer Juden am 22.10.1940 nach Gurs/Frankreich

Rede von Johannes Reiner, Vorsitzender des Freundeskreises Freiburg-Tel Aviv-Yafo e.V., gehalten am 22. Oktober 2015 am Denkmal für die deportierten Juden an der Wiwili-Brücke (Freiburg i. Br.).

 

Wir gedenken heute vor 75 Jahren der Deportation der 5360 badischen, 826 pfälzischen und 134 saarländischen Juden am 22.10.1940 nach Gurs. Es war der letzte Tag des Laubhüttenfestes Sukkot. Die Ortschaft liegt ca. 50 km vor der spanischen Grenze am Rande der Pyrenäen. Gurs war eines von ca. 100 französichen Internierungslagern. Verantwortlich waren Robert Wagner, Gauleiter von Baden und Elsass sowie Josef Bürckel, Gauleiter von der Saarpfalz und Lothringen.

 

Die insgesamt 6320 deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens, ich sage das ganz betont rechtlich korrekt, wurden aus dem Badischen mit 7 und aus der Saarpfalz mit 2 Zügen über Mühlhausen, Straßburg aber auch über die Bahnstrecke Freiburg – Breisach – Colmar in das von Deutschland unbesetzte Frankreich nach Gurs deportiert.

 

Im Mai 1940 hatte Deutschland Frankreich überfallen und dabei das Elsass und Lothringen erobert. Am 16.7.1940 wurden die beiden Departements annektiert, d.h. dem Deutschen Reich zwangsweise angegliedert. Im Waffenstillstandsvertrag von 1940 wurde festgelegt, dass alle Juden vom besetzten Teil Frankreichs in den unbesetzten Teil abgeschoben werden können. Die Tragik der Deportation lag also darin, dass die beiden Gauleiter in vorauseilendem Gehorsam und übereifriger Pflichterfüllung sowie in willkürlicher Interpretation diese Klausel auch auf sämtliche Juden in den Gauen Baden und Saarpfalz selbstständig ausgedehnt haben. Im Klartext: Die Deportation hätte eigentlich zu diesem Zeitpunkt nach dem Waffenstillstandsvertrag gar nicht erfolgen müssen. Die Überlebenschance des betrofffenen Personenkreises wäre deutlich gestiegen. Berlin hat den Übereifer gedeckt, unterstützt durch das Reichssicherheitshauptamt unter der Führung von Heydrich. Es kam den beiden Gauleitern darauf an, als Erste deutsche Gaue "judenfrei" zu melden.

 

Der mit der höchsten Geheimhaltungsstufe versehene Erlass des Badischen Innenministeriums, alle „Volljuden“ festzunehmen und abzutransportieren, trägt das Datum 15.10.1940. Juden aus Mischehen und die nicht Transportfähigen wurden von dieser Maßnahme verschont.

 

Dass es heute noch Journalisten gibt, die Deutsche von Juden begrifflich trennen, zeigt die Überschrift vom Sonntagsblatt vom 18.10.15: "Still schauten die Deutschen zu." Ist die Überschrift schon schlimm genug und macht Juden zu Nichtdeutschen wird im Textteil diese fatale Entgleisung auch noch bestätigt: „Die deutsche Bevölkerung sah zu, wie die Juden – 403 waren es aus Freiburg....“. Wann lernen selbst Journalisten endlich diese NS – Ideologie aus ihrem Sprachschatz zu streichen?

 

Seit den frühen Morgenstunden des 22.10.40 waren in ganz Baden und der Saarpfalz Polizeibeamte unterwegs, um deutschen Bürgern jüdischen Glaubens mitzuteilen, dass sie festgenommen sind, um abgeschoben zu werden. Sie wurden nicht darüber informiert, wohin die Deportation führt. Die Abmarschbereitschaft war binnen kürzester Zeit zwischen wenigen Minuten und 2 Stunden herzustellen. Es durfte Gepäck mit max. 50 kg Gewicht, Bekleidung, eine Wolldecke, Verpflegung für mehrere Tage und nur 100 RM je Person mitgeführt werden.

 

Im Dienstagebuch der Kriminalpolizei von Freiburg (Stadtarchiv K 149 Teil 2 B Nr. 5 steht: „Zwei Juden haben Selbstmord verübt; eine Jüdin hat sich die Pulsadern durchschnitten und starb in der Klinik, ein Jude hat sich erhängt. Der Abtransport ging in aller Ordnung vor sich“. Bei den beiden Opfern handelte es sich um Therese Löwy und Max Frank. Hugo Ott hat ein Büchlein mit dem Titel "Laubhüttenfest 1940 – Warum Therese Löwy einsam sterben mußte" herausgebracht.

 

Und Heydrich schreibt am 29.10.40 an der AA: „Der Vorgang der Aktion selbst wurde von der Bevölkerung kaum wahrgenommen“. War es Gleichgültigkeit, Angst, das Ergebnis von Repressionen durch die Staatsmacht, mangelnde Zivilcourage, warum die Zivilbevölkerung nicht protestiert hat? Vermutlich von allem etwas. In Israel werde ich immer gefragt, warum das Volk der Dichter und Denker es nicht geschafft hat, diese Diktatur frühzeitig zu beseitigen. Die Antwort von heute kann demnach nur lauten: Wehret den Anfängen,  der Aufruf ist aktueller denn je.

 

Es gibt bislang keine Bilddokumente von der Deportation in Freiburg, jedoch von Kippenheim (versteckt fotografiert) und Lörrach, offiziell fotografiert.

 

Die jüdischen Familien hatten z.T. gar nicht soviel Essensvorräte. Frau Irmgard Herrman beschreibt in dem Buch „Briefe aus Gurs“, wie man in aller Hektik noch Lebensmittel mit Hilfe der nichtjüdischen Hausbewohner besorgt hat. Manche Bäcker gaben Brot ohne Marken an die jüdischen Familien aus. Manche Familien hatten gar nichts essbares mitgenommen, wie Zeitzeuge Dr. Kurt Maier (lebt in den USA) berichtet hat, weil sie einfach nicht glauben konnten, dass sie abgeschoben werden.

 

Die ca. 321 Freiburger Juden kamen aus der Stadt von anderen Sammelplätzen wie z.B. den Annaplatz in der Wiehre, zu Fuss, mit dem Auto oder dem Bus und gingen über diese Brücke auf die andere Seite zum zentralen Sammelplatz bei der Hebel-Schule. Welche psychischen wie physischen Qualen die Deportierten durchlitten haben, lässt sich kaum erahnen. Binnen 2 Std. hatten sie ihr Vermögen und die vertraute Umgebung sowie Freunde verloren. Ihr Eigentum wurde später versteigert.

 

Die Deportation nach Gurs war zur damaligen Zeit nach den Worten des bekannten Freiburger Historikers, Prof. Martin, der Probelauf für die eigentlich vorgesehene Deportation von insgesamt 6,5 Mio. Juden nach Madagaskar. Der sogenannte Madagaskar–Plan wurde jedoch auf Grund der Kriegslage in Europa, den letztlich sehr begrenzten Möglichkeiten auf der Insel und vor allem der Unfähigkeit, diese Tranporte logistisch zu meistern, aufgegeben.

 

Als die Badischen und Saarpfälzer Juden in Gurs ankamen, befanden sich ca. 900 Menschen im Lager. Es handelte sich überwiegend um internierte Spanier aus den Zeiten des Spanischen Bürgerkrieges. Paul Niedermann, ein Zeitzeuge (er lebt heute in Paris, ist hochbetagt) erwähnte einmal in einem Gespräch: „Wenn wir nicht die Unterstützung durch die Spanier gehabt hätten, hätten wir nicht überlebt“.

 

Die französische Vichy-Regierung des unbesetzten Frankreichs unter Führung von Philipp Pétain war auf diese Aktion überhaupt nicht eingestellt. Die Züge waren zur Täuschung als Wehrmachtszüge deklariert worden. Während der laufenden Deportation schreibt die Vichy Regierung an die Reichsführung: "Die französische Regierung kann diesen Ausländern nicht Asyl gewähren. Sie beantragt dringendst, dass die Reichsregierung unverzüglich die erforderlichen Maßnahmen trifft, damit die Betreffenden nach Deutschland zurückbefördert und die während des Aufenthaltes in Frankreich verursachten Auslagen zurückbezahlt werden.“ Berlin reagierte auf diese Demarche aber nicht, die deportierten Menschen verblieben in Gurs.

 

Die Lagerverwaltung oblag der französischen Zivilverwaltung, die Wachen waren durchgängig Franzosen. Auf Grund der völlig unzureichenden hygienischen Verhältnisse, katastrophaler Ernährungslage wie infrastruktureller Mängel verstarben im ersten Winterjahr ca. 1300 Menschen.

 

Bereits 1941 wurden Lagerinsassen auf Grund der fürchterlichen Verhältnisse in andere Lager verlegt z.B. Rivesaltes. Es gab auch noch andere Möglichkeiten, der Hölle zu entrinnen: Insgesamt sind 1300 Insassen durch Flucht, Nachreichung von bereits gestellten Ausreiseanträgen in die USA und z.B. durch Freikauf durch die jüdische Hilfsorganisation OSE aus dem Lager gekommmen. Paul Niedermann ist z.B. durch die OSE im Alter von 13 Jahren herausgekommen und auf abenteuerlichem Weg in die Schweiz gelangt.

 

Das Leiden hatte jedoch für die Mehrheit der Insassen noch kein Ende. Nach der Wannseekonferenz im Winter 1942, die bekanntlich der Koordination der "Lösung der Judenfrage" zum Inhalt hatte, begannen die Vorbereitungen zur Deportation aller Juden von Frankreich, egal ob besetzt oder nicht, in die Vernichtungslager Auschwitz, Majdanek, Sobibor und andere. Verantwortlich war der Leiter des Judenreferates der Gestapo in Frankreich, Theodor Danneker. Am 6.08.1942 wurde der erste Transport von Gurs in Marsch gesetzt, der letzte Zug rollte am 3.03.1943. Nach vorliegenden Quellen wurden noch 3907 Juden mit diesen Zügen transportiert. Insgesamt haben von der Aktion Gurs nur 38 % der Betroffenen überlebt.

 

In tiefer Trauer verneigen wir uns vor den Opfern und schließen in unser Gedenken die noch wenigen Überlebenden und deren Angehörigen mit ein!

 

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