Junge russische Schriftstellerinnen in der Freiburger Synagoge

Text und Fotografien: Roswitha Strüber

Fast 80 Literatur interessierte Besucherinnen und Besucher füllten Dienstag, den 6. Januar am späten Nachmittag den Gertrud-Luckner-Saal, als Alissa Ganijewa und Olga Grjasnowa zu einem Leseabend in die Freiburger Synagoge gekommen waren. Die Vorstandsvorsitzende Irina Katz hatte die beiden jungen russischen Schriftstellerinnen eingeladen, ihre neuesten Romanen vorzustellen und daraus zu lesen. Die Moderation der Lesung lag in den Händen von Christiane Körner, Publizistin und freie Übersetzerin aus Frankfurt.

Die Moderatorin, die mehrere Jahre als Dozentin für Deutsch am Deutschen Akademischen Austauschdienst  in Moskau tätig war, stellte sprachgewandt zunächst Alissa Ganijewa mit ihrem Roman "Die russische Mauer" vor. Die junge Autorin, die unter anderem auch als Publizistin arbeitet, stammt aus dem kaukasischen Dagestan und lebt heute in Moskau. In ihrem Buch beschreibt sie auf eindrückliche und unmittelbar erlebbare Weise die tief gehenden kulturellen, politischen und religiösen Veränderungen, die sich in der dagestanischen Gesellschaft durch die zunehmende Islamisierung vollziehen. Dabei dringen die Verwerfungen bis weit in die Familien und in die Freundeskreise vor, in denen sie tiefe Risse hinterlassen. Das Gerücht, die Russen wollten sich durch den Bau einer Mauer von der aufrührerischen Teilrepublik Dagestan abtrennen, verbreitet sich in kurzer Zeit und schürt die Unruhe unter der Bevölkerung zusätzlich an. Auch Schamil, der Protagonist des Romans, wird durch den allgemeinen Aufruhr unmittelbar betroffen und muss sein Leben neu ordnen. Mit großer Sensibilität und viel Zuneigung für die traditionellen Werte ihrer Heimat schildert Alissa Ganijewa  die heraufziehende Bedrohung der kulturellen Identität Dagestans.

Bevor die Moderatorin dem Publikum Gelegenheit zu Nachfragen oder Bemerkungen gab, stellte sie die zweite Autorin des Abends, Olga Grjasnowa, vor. Geboren und aufgewachsen in Aserbaidschan siedelte die Schriftstellerin elfjährig mit ihren Eltern über nach Deutschland. Olga Grjasnowa lebt in Berlin und hat nach ihrem sehr erfolgreichen Erstlingswerk "Der Russe ist einer, der Birken liebt" mit "Die juristische Unschärfe einer Ehe" ihren zweiten Roman vorgelegt. Darin erzählt sie von einem Mann und zwei Frauen, die in einer Dreiecksbeziehung leben und nach dem persönlichen Glück suchen. An diesem Thema entzündete sich sehr schnell ein äußerst lebendiges und engagiertes Gespräch mit den beiden Autorinnen, in dem Fragen nach Wert- und Moralvorstellung hinsichtlich einer ehelichen Gemeinschaft, mögliche Formen einer Partnerschaft oder auch das Selbstverständnis von Frauen auch mit Blick auf die gesellschaftlichen Veränderungen in den Kaukasusrepubliken diskutiert wurden.

Zum Ende der Literaturveranstaltung bedankte sich der Vorstand der Gemeinde durch Irina Katz und Michael Kimerling bei dem Publikum für das lebhafte Interesse und bei den drei Akteurinnen des Leseabends mit einem Blumengebinde.

Zurück