5. Russisch - deutsches Literaturcafé

Beginnen wir mit dem Menschen … Wassili Grossman und sein Roman „Leben und Schicksal“

Text: Roswitha Strüber

Fotos: Irina Katz, Roswitha Strüber

Am Donnerstag, den 14. Januar 2016  fand die gemeinsame Veranstaltungsreihe „Russisch – deutsches Literaturcafé“ der Israelitischen Gemeinde und der Stadtbibliothek Freiburg mit einem weiteren Leseabend ihre Fortsetzung. Es war die bereits fünfte Lesung in dieser Reihe, für die sich die beiden Initiatorinnen Irina Katz und Dr. Elisabeth Willnat engagiert und mit großer Empathie für die russische Literatur verantwortlich zeigen. „Wassili Grossman und sein Roman „Leben und Schicksal“ war das Thema an diesem Abend. Für die Vorträge konnten die Literaturjournalistin und Hörfunkmoderatorin Brigitte van Kann aus Hamburg  und der Schauspieler und Theaterregisseur Michail Rybak aus Moskau gewonnen werden. Die beiden Veranstalterinnen begrüßten beide sehr herzlich und stellten sie dem Publikum vor. Mehr als 80 interessierte Besucherinnen und Besucher waren in die Räume der Stadtbibliothek gekommen, um dem bedeutenden russischen Schriftsteller in seinem Hauptwerk zu begegnen.

Wassili Semjonowitsch Grossman wurde 1905 im heutigen ukrainischen Berditschew in einer jüdischen Familie geboren und absolvierte ein Ingenieurstudium an der Moskauer Universität. Schon während seiner Studienzeit begann er Kurzgeschichten zu schreiben. Bis 1936 hatte er zwei Sammlungen von Geschichten veröffentlicht. Nach dem Überfall der deutschen Armee auf Russland arbeitete Grossman freiwillig als Kriegsreporter für die Zeitschrift „Roter Stern“. Doch als er Stalins antisemitische Propaganda und Verfolgungen in seinen Werken mit aller Schärfe verurteilte, geriet  Grossman in den Focus des Politbüros. Seine Arbeiten, darunter auch das Hauptwerk „Leben und Schicksal“ von 1959, wurden beschlagnahmt und teilweise auch vernichtet. Wassili Grossman starb 1964 in Moskau.

 

Erst 1980, sechzehn Jahre nach dem Tod des Autors, wird das rund 1000-seitige Werk  „Leben und Schicksal“, in einem Exilverlag veröffentlicht. Grossman schildert darin den Kampf um Stalingrad. Er erzählt mit großer Anteilnahme von den Leiden der Menschen, die diesem Schrecken ausgesetzt waren, und von der Verfolgung der Juden. Dabei legt der Autor unmissverständlich die Vergleichbarkeit von Nationalsozialismus und Stalinismus in ihrer Menschenverachtung offen. Literaturwissenschaftler stellen Grossmans Epos über die Idee der Freiheit an die Seite von Tolstois Monumentalwerk „Krieg und Frieden“ über das russische Volk.

In einer bemerkenswerten und überzeugenden Verflechtung von biographischen markanten Ereignissen, von  Interpretationshilfen zum literarischen Gesamtschaffen Grossmans und vom Vortragen und Einordnen einzelner Textpassagen aus dem Hauptwerk gelang es Brigitte von Kann, ein sehr bewegendes und persönliches Bild des großen Autors zu zeichnen. Michail Rybak übersetzte die einzelnen Passagen des Vortrags ins Russische und verlieh den Texten mit seiner Stimme ein wichtiges Moment der Authentizität.

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