Das Warschauer Ghetto-Ehrenmal

Text und Fotos: Roswitha Strüber

Ausdrucksstark und in monumentaler Größe erhebt sich auf der weiten freien Fläche des ehemaligen jüdischen Ghettogeländes in Warschau das „Denkmal für die Gefallenen des jüdischen Ghetto-Aufstandes“. Ihm direkt gegenüber gelegen befindet sich das „Museum der Geschichte der polnischen Juden“, das in den Jahren 2009 bis 2014 von dem finnischen Architektenbüro Lahdelma und Mahlamäki Oy errichtet wurde. Mahnmal und Museum bilden so eine bemerkenswerte Achse, die dem großen Platz seine Struktur verleiht.

 

Nur zwei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges entwarf der jüdische Bildhauer Nathan Rapaport gemeinsam mit dem Architekten Leon Marek Suzin – beide stammten gebürtig aus Warschau – auf dem Areal des von den Nazis in den letzten Kriegsmonaten gänzlich zerstörten Warschauer Ghettos ein Mahnmal für die Helden des Ghetto-Aufstandes. Enthüllt wurde das Denkmal am 19. April 1948. Es ersetzte an gleicher Stelle eine kleine runde Steinplatte, die inmitten des Trümmerfeldes bereits 1946 von Suzin als Gedenkstätte eingerichtet worden war.

 

Zusammengesetzt aus mächtigen schwedischen Steinquadern, die der Reichsminister und Generalbauinspektor der Nationalsozialisten Albert Speer ursprünglich für die Aufstellung einer Siegessäule vorgesehen hatte, erreicht das Ehrenmal eine Höhe von rund elf Metern. In die Mitte der Quaderwand eingelassen ist ein mehrere Meter hohes halbplastisches Bronzerelief, auf dem in einer heroischen Darstellung eine Figurengruppe zu sehen ist. Sie verweist auf die heldenhaften jüdischen Freiheitskämpfer – Männer, Frauen und Kinder – die bei dem mehrwöchigen Aufstand vom 19. April bis zum 16. Mai 1943 ums Leben kamen. Aus ihrer Mitte ragt Mordechaj  Anielewicz hervor, der maßgeblich den Aufstand mitgeplant und mitorganisiert hatte.

Auf dem Sockel unter der bronzenen Figurengruppe steht mit großen Buchstaben in polnischer, jiddischer und hebräischer Sprache eingraviert „Vom Jüdischen Volk für seine Kämpfer und Märtyrer“. 

Die Rückseite des Denkmals ist mit einem weiteren, jedoch flach ausgearbeiteten Relief versehen, das den Titel trägt: „Zug in die Vernichtung“. Frauen, Kinder, Männer und alte Menschen ziehen von Angst und Leid gebeugt ihrem Verderben entgegen. Diese tief berührende Darstellung findet sich als Kopie auch in der großen Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.

Zwei große bronzene Menorot – rechts und links das Ehrenmal flankierend – verleihen der Gedenkstätte eine würdevolle und feierliche Rahmung.

Weltweite Beachtung erfuhr das Denkmal am 7. Dezember 1970, an dem Tag, als der damalige deutsche Bundeskanzler Willy Brandt während seines Warschau-Besuches auch vor dem „Denkmal für die Gefallenen des jüdischen Ghetto-Aufstandes“ einen Kranz niederlegte, niederkniete und minutenlang in Schweigen verharrte. Es war eine spontane große Geste, mit der Kanzler Brandt der etwa 350 000 jüdischen Einwohner Warschaus ehrfurchtsvoll gedachte, die Opfer des schrecklichen Nazi-Terrors geworden waren. Auch heute noch, mehr als 70 Jahren nach den nationalsozialistischen Verbrechen, stehen die Besucher in tiefer Betroffenheit vor dem Ehrenmal und zollen den jüdischen Widerstandskämpfern des Ghettos, die sich trotz ihrer aussichtslosen Situation heldenhaft zur Wehr gesetzt haben, ihren uneingeschränkten Respekt.

Fotoquelle: Willy Brandt Forum Berlin

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