Europäischer Tag der Jüdischen Kultur 2016 in Freiburg

 

Text und Fotos: Roswitha Strüber

 

Den alljährlich am ersten Septembersonntag europaweit stattfindende Tag der Jüdischen Kultur nahm auch die Freiburger Israelitische Gemeinde zum Anlass, am Sonntag, den 4. September mit einem eigenen Veranstaltungsprogramm über das Leben und die Kultur jüdischer Menschen zu informieren. Entsprechend dem diesjährigen Jahresmotto „Sprache der Juden“ orientierten sich die einzelnen Veranstaltungen an dem vorgegebenen Thema. 

In ihren Begrüßungsworten zur Eröffnung des Aktionstages wies die Vorstandsvorsitzende Irina Katz auf die besondere Bedeutung dieses Tages hin. Wörtlich sagte sie: „In unserer heutigen gesellschaftlichen Öffentlichkeit sind jüdisches Leben und jüdische Kultur nur noch marginal sichtbar präsent. In machen Städten kündet zwar ein wiedererrichteter Synagogenbau von der Anwesenheit jüdischer Einwohner, oder auch die spektakuläre Architektur eines jüdischen Museums weckt das Interesse der Bevölkerung. An Mahnmalen der jüdischen Nazi-Opfer geht man jedoch zumeist achtlos und häufig auch in Unkenntnis vorbei, Kippa tragende jüdische Mitbürger sind als Folge eines neu aufflammenden Antisemitismus gänzlich aus unserem Straßenbild verschwunden.“ Weiter hob die Vorstandsvorsitzende hervor, dass die jüdischen Gemeinden  jahrhundertalte Beziehungen zu den kommunalen Strukturen haben und schon immer eng verflochten waren mit der Kultur in den Gemeinden vor Ort. Beispielhaft hierfür sei unsere Sprache mit ihren zahlreichen aus dem Jiddischen oder Hebräischen stammenden Wortschöpfungen. Deshalb laute auch das Motto des diesjährigen Aktionstages „Sprachen der Juden“, das die sprachliche Vielfalt der jüdischen Menschen thematisiere. Weiterhin erwähnte Irina Katz, dass in der Freiburger jüdischen Gemeinde zahlreiche Menschen aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Sprachen zusammenkommen. So wird Russisch, Englisch, Spanisch, Französisch und Jiddisch gesprochen, doch die alles verbindende Sprache ist das Hebräische, die Sprache der Tora.

Es folgte ein Vortrag von Ruben Frankenstein, der das Jahresmotto des Aktionstages „Sprachen der Juden“ auch zum Thema seines eigenen Beitrags machte. Frankenstein ist Dozent für hebräische Sprache und Literatur an der Universität Freiburg und lehrt zudem auch an der Freiburger Volkshochschule. Mit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer im Jahre 70 u. Z. verlor das Judentum seinen religiösen und kulturellen Mittelpunkt und zerstreute sich über viele Länder der damaligen Welt. In der Folgezeit, so führte Frankenstein in seinem Beitrag aus, entwickelten die in der Diaspora lebenden jüdischen Menschen eine Dreisprachigkeit, die auch heute noch vielfach besteht. Außer dem Hebräischen, das weiterhin im Bereich der G’ttesdienste gepflegt wurde, und der  Sprache des jeweiligen neuen Heimatlandes bildete sich mit der Zeit ein Sprachgemisch aus Mutter- und Landessprache heraus, das zur Kommunikation der Juden untereinander diente. Typisch hierfür ist das Jiddisch, das aus einer Verschmelzung von mittelhochdeutschen und hebräischen Sprachbildern entstanden ist. Parallele Entwicklungen zeigen sich aber auch in allen Ländern Europas, wie Frankenstein detailliert ausführte. Der Referent beendete seinen Vortrag mit einem kurzen Filmausschnitt über ein regionales Sprachidiom aus Schopfloch in Bayern, das sich als eine Art Geheimsprache etablierte und immer noch, wenn auch nur von wenigen Menschen, beherrscht wird. Die rund 40 Zuhörerinnen und Zuhörer spendeten viel Applaus für den sachkundigen Vortrag und bekundeten ihr großes Interesse durch weitere zusätzliche Fragen an den Referenten.   

Für den Nachmittag hatte der Gemeindevorstand zu einer szenischen Lesung nach dem Roman „Lied der Lieder – Schir-ha-Schirim“ von Scholem Alejchem in den Gemeindesaal eingeladen. Hinter dem Pseudonym „Scholem Alejchem – Friede sei mit euch“ verbirgt sich der in der Mitte des 19. Jahrhunderts nahe bei Kiew geborene jiddischsprachige Schriftsteller Schalom Yakov Rabinowitsch, der unzählige Romane, Kurzgeschichten und Zeitungsartikel verfasst hat, darunter auch die Geschichte von Tewje, dem Milchmann, die später als Theaterstück und als Verfilmung weltweite Berühmtheit erlangte. Seine Kurzgeschichte „Lied der Lieder“ erzählt von einer ergreifenden Liebesgeschichte, die von den beiden Darstellern Larissa Dubjago und William Denmann mit viel Einfühlungsvermögen und Sensibilität vorgetragen wurde. Groß projizierte Bilder von Marc Chagall und von Kantor Moshe Hayoun vorgetragene Pessach-Lieder begleiteten die Lesetexte der beiden Interpreten. Das zahlreich erschienene Publikum bedankte sich herzlich bei allen Mitwirkenden für das gelungene Literaturereignis.

Auf dem kleinen Platz vor der Synagoge hatte auf Initiative de Gemeindevorstandes zwischenzeitlich Edos Hummus-Küche geöffnet und bot den Besucherinnen und Besuchern des Kulturtages typische israelische Kleingerichte wie Falafel in Pita oder Hummus an. Die jüdische Gemeinde hatte dazu herzlich eingeladen.  

Zum Abschluss des Aktionstages der Jüdischen Kultur gastierte am Abend die Benny Goodman Revival Band aus Berlin unter Leitung von Boris Rosenthal im großen Gertrud-Luckner-Gemeindesaal. In dem bis auf den letzten Platz gefüllten Saal dauerte es nicht lange, bis die drei exzellenten Musiker Boris Rosenthal (Flügel und Gitarre), Leo Ellenzweig (Klarinette) und Bernd Gesell (Kontrabass) mit ihren überzeugenden  Arrangements der Melodien des großen amerikanischen Jazz- und Swingmusikers Benny Goodman das Publikum immer wieder zu begeistertem Applaus hinrissen. Dabei führte Boris Rosenthal in besonders charmanter Weise zwischen den einzelnen Musikstücken in die Lebens-und Musikgeschichte Goodmans ein und weckte bei seinem Publikum ein wachsendes Gespür für dessen unvergleichliche musikalische Genialität. Nicht zuletzt erinnerte Rosenthal auch an die Vorliebe Goodmans, dessen jüdische Eltern vor seiner Geburt aus Russland in die Vereinigten Staaten ausgewandert waren, Elemente der Klezmer-Musik in Jazz und Swing einfließen zu lassen. Kostproben dieses Musikstiles zählten zu den Highlights des Konzertabends. Der Gemeindevorstand und die vielen Zuhörerinnen und Zuhörer im Saal bedankten sich bei Boris Rosenthal und seinen Friends mit nicht enden wollenden Beifall.

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