Friedensgebet 2016 in der Synagoge

Text und Fotos: Roswitha Strüber

Als ihren Beitrag zur „Woche der Brüderlichkeit“ lud die Israelitische Gemeinde Freiburg am Sonntag, den 6. März zu einem ökumenischen Friedensgebet in die Synagoge ein. Gemeinsam fanden sich Rabbiner, Kantoren, Pfarrer und Patoralreferenten zu einer Gebetsstunde zusammen, um mit den zahlreichen Besuchern für Frieden, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit in unserer Gesellschaft und in der Welt zu beten. In ihren einleitenden Worten blickte die Vorstandsvorsitzende der Gemeinde Irina Katz mit großer Sorge auf den derzeitig mehr und mehr wahrnehmbaren Verlust von gegenseitigem Respekt im täglichen Miteinander der Menschen. Sie begrüßte  ausdrücklich das Engagement des in Bad Nauheim ansässigen Koordinierungsrates der „Woche der Brüderlichkeit“, der sich seit Jahrzehnten unermüdlich um die Verständigung zwischen Christen und Juden, um den Kampf gegen Antisemitismus und Rechtsradikalismus sowie für ein friedliches Zusammenleben der Völker und Religionen einsetzt. Das Motto für die Aktionswoche 2016 – gleichzeitig auch Titel des diesjährigen Themenheftes - lautete: „Um G-ttes Willen“.

 

Mit kurzen Auszügen aus Bibel oder Literatur und persönlichen Gedanken zu den ausgewählten Texten formulierten die jüdischen und christlichen Vertreter vor Gott ihre Gebetsanliegen um Frieden und Aussöhnung in der Welt. 

 

Gemeinderabbiner Mark Pavlovsky  erinnerte an König David, der viele Kriege geführt und viel Blut vergossen hatte und als Strafe den Tempel nicht bauen durfte. Diesen errichtete später sein Sohn Salomon. Ans Ende seiner Betrachtung stellte er die Verse des Psalm 120, in deren Worten sich die große Sehnsucht des Psalmisten nach Frieden ausdrückt.

 

„Ein Lied im höheren Chor. Ich rufe zu dem HERRN in meiner Not, und er erhört mich.

HERR, errette meine Seele von den Lügenmäulern, von den falschen Zungen.

Was kann mir die falsche Zunge tun, was kann sie ausrichten?

Sie ist wie scharfe Pfeile eines Starken, wie Feuer in Wacholdern.

Wehe mir, dass ich ein Fremdling bin unter Meschech;

Ich muss wohnen unter den Hütten von Kedars.

Es wird meiner Seele lang, zu wohnen bei denen, die den Frieden hassen.

Ich halte Frieden; aber wenn ich rede, so fangen sie Krieg an.“

 

Pfarrer Johannes Kienzler, stellvertretender katholischer Dekan in Freiburg, zitierte aus den Texten von Mutter Teresa und stellte ihre  Forderung „ Die Leute sind unvernünftig, unlogisch und selbstbezogen, liebe sie trotzdem“ in den Mittelpunkt seiner Gedanken.

Kantor Moshe Hayoun aus Mannheim hatte für seinen Gebetsbeitrag zwei Lieder, einen Psalm und ein Schabbat-Lied, ausgewählt, die mit poetschen Worten Brüderlichkeit und Frieden anmahnen. So heißt es in Psalm 133 u.a.:

 

Wie wohltuend ist es, wie schön, wenn Brüder, die beieinander wohnen, sich auch gut verstehen.

Das ist wie erfrischender Tau vom Hermon, der sich niedersenkt auf den Zionsberg. Dort will der HERR seinen Segen schenken, Leben, das für immer besteht.

 

Und mit dem Schabbat-Lied L`maan Achai, einem alten hebräischen Lied, verbindet sich der umfassende Friedenswunsch, der für alle Geltung hat.

 

Andreas Bordne, Pfarrer in der Evangelischen Erwachsenenbildung Freiburg, bezog sich in seiner Betrachtung auf Texte, die Dietrich Bonhoeffer während seiner Haftzeit verfasst hat und die mahnend hinweisen auf die persönliche Verantwortung, der sich die Menschen dem göttlichen Willen folgend nicht entziehen dürfen.

 

Alexander Zakharenko, Kantor der jüdischen Gemeinde in Weiden, intonierte mit „Ale Brider“, einem alten jiddischen Lied, seinen Wunsch und seine Forderung nach Gleichberechtigung und Überwindung von Unterdrückung und Gewalt. 

Über Prinzipien und Zielsetzung der internationalen Pax Christi Organisation informierte Markus Weber, Leiter des Diözesanverbandes Freiburg. Inhaltliche Grundlagen der Bewegung sind , so Weber, Gerechtigkeit und Solidarität, Kernaufgabe die Frage, mit welchen Methoden der Krieg aus der Politik verbannt werden kann und wie der Beitrag der Kirchen dazu aussieht.  „Umso mehr ist es für uns als Gläubige eine bleibende Aufgabe, die Ansätze zu Frieden und Gewaltlosigkeit, die sich in allen Religionen finden, herauszuarbeiten, uns darin zu bestärken, und ihnen zu größerer Wirksamkeit zu verhelfen. Ganz so, wie wir das heute hier in der Freiburger Synagoge gemeinsam versuchen“. Mit dem folgenden Gebet beschloss Weber seine nachdenklich machenden Überlegungen.

 

„O Gott, du bist die Quelle von Leben und Frieden. Gepriesen sei dein heiliger Name für immer. Deine Kraft verändert die Herzen. Wir wissen, dass du es bist, der uns frei macht für Gedanken des Friedens.

 

Höre unser Gebet in diesen Zeiten der Gewalt und der Not. Höre die Schreie der Angst, der Not und der Hoffnungslosigkeit. Höre den Schrei nach einem Leben in Würde und Fülle.

 

Als Juden und Christen erinnern wir uns daran, dass wir alle Nachfolger des einen Gottes sind. Weil alles Leben vor Gott heilig ist, ist es auch uns heilig. Lehre uns wahre Ehrfurcht vor dem Leben. Dass Feinde beginnen miteinander zu sprechen, und sich die Hand geben in Freundschaft. Hilf uns gemeinsam nach Wegen des Friedens suchen. Stärke unseren Entschluss, diese Wahrheiten täglich zu leben.

 

O Gott, gib uns: Verständnis, das dem Streit ein Ende setzt; Barmherzigkeit, die den Hass kühlt, und Vergebung, die Rache überwindet. Befähige alle Menschen dazu, nach deinem Gesetz der Liebe zu leben.“

AMEN

 

Boris Gschwandtner, Pastoralreferent im Erzbischöflichen Ordinariat, legte seinen Gedanken die Verse 7-9 des 13. Kapitels aus dem Buch des Propheten Sacharja zu Grunde, in denen dem Volk Gottes eine endgültige Läuterung und eine Erlösung von Schuld und Sünde prophezeit wird.

 

In einer emotionalen Rede erinnerte Dr. Elie Botbol aus Straßburg an die schrecklichen und verbrecherischen Ereignisse der Vergangenheit und bekannte sich vehement zur „Woche der Brüderlichkeit“. Wörtlich sagte er:

 

“Wir müssen mit dem Abstempeln und todbringenden Missverständnis aufhören, die in jedem von uns schlummern, auf uns lauern und sich immer wieder in neuen Kleidern präsentieren, denn im Grunde genommen sind das Dämonen der Vergangenheit, die immer noch in uns leben. Ich sage das, denn Brüderlichkeit verlangt vor allem klaren und scharfen Verstand sowie moralische Aufrichtigkeit. „Wer die Dinge beim falschen Namen nennt, trägt zum Unglück der Welt bei“ – meinte der Nobelpreisträger Albert Camus.“

 

Abschließend versammelten sich alle Vorbeter vor der Tora-Schrein (auf Hebräisch Aron ha-Qodesch) und sprachen im Wechsel auf Hebräisch und Deutsch die Verse des alten jüdischen Gebetes „Avinu Malkeinu – Unser Vater, unser König“, bevor alle Teilnehmer der Gebetsstunde gemeinsam das hebräische Friedenslied „Ose shalom“ sangen. Die musikalische Umrahmung gestaltete das Trio Aletchko, eine Klezmer-Band aus Berlin.

 

OSEH SCHALOM

 

Oseh shalom bimromav

Hu ya'aseh shalom aleynu

Ve'al kol yisrael

Ve'imru Amen

Möge derjenige,

der im Himmel Frieden stiftet,

auch Frieden stiften zwischen uns,

in ganz Israel und der ganzen Welt.

Amen

 

Nach dem Friedensgebet hatte der Gemeindevorstand alle Besucher und Gäste zu einem kleinen Stehempfang vor dem Synagogenraum eingeladen. Dabei begrüßte die Vorstandsvorsitzende Irina Katz Stadtrat Dr. Schüle und bedankte sich herzlich für die guten Wünsche, die er im Namen der Stadt Freiburg überbrachte.

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