150 Jahre Israelitische Gemeinde Freiburg

Text und Fotos: Roswitha Strüber

Die Israelitische Gemeinde Freiburg wurde 150 Jahre alt. Aus diesem Anlass lud der Vorstand mit seiner Vorsitzenden Irina Katz am Donnerstag, den 21. Januar 2016 zu einem großen Festakt in das Gemeindezentrum in der Nussmannstrasse ein. Neben vielen Mitgliedern und Freunden der Gemeinde waren auch zahlreiche Vertreter aus Politik und Gesellschaft der Einladung gefolgt. In ihren Begrüßungsworten erinnerte Irina Katz an den oft steinigen und gefahrvollen Weg, den die jüdischen Menschen auch in Freiburg in den vergangenen 150 Jahren mehrfach gehen mussten, richtete dann aber den Blick auf die Gegenwart und verwies mit Stolz und Zufriedenheit auf die gute und gelungene Einbindung der Gemeinde in das bürgerschaftliche Leben der Stadt heute. Wörtlich sagte die Vorstandsvorsitzende: „Dabei ist es uns ein wichtiges und bedeutsames Anliegen, mit den Einrichtungen und Institutionen der Stadt wie auch mit den christlichen Kirchen in einem freundschaftlich verbundenen Miteinander zu leben. Wir wissen diese Partnerschaft zu schätzen und möchten sie intensiv pflegen.“ In gleicher Weise äußerte sich auch Dr. Élie Botbol, Vorbeter und Mohel. Wörtlich sagte er in seiner Begrüßungsansprache:  „Die friedliche Koexistenz und das harmonische Zusammenleben unserer Gemeinde mit vielfältigen religiösen und weltlichen Gemeinschaften sind eine Quelle gegenseitiger Bereicherung in vielerlei Hinsicht.“ Er schloss mit dem Verweis auf einen Jesaja-Vers im 11. Kapitel, in dem der Notwendigkeit Ausdruck verliehen wird, die Kräfte für ein besseres Leben zu bündeln, statt miteinander in Fehde zu liegen.

Es folgte eine Reihe von Grußworten, in der zunächst Gernot Erler, ehemaliger Staatsminister im Auswärtigen Amt und heutiger Koordinator der deutschen Bundesregierung für die Zusammenarbeit mit Russland, mit klaren und entschiedenen Worten Stellung bezog angesichts des derzeitig spürbar zunehmenden Antisemitismus in Deutschland und Europa. Zwar sind aus Deutschland nicht wie in Frankreich im vergangenen Jahr fast 8000 jüdische Bürger aus Angst vor Anfeindungen nach Israel ausgewandert, „aber es gibt Besorgnis erregende Tendenzen“, so Erler, „es wachsen jüdische Kinder in Deutschland auf zwischen Panzerglas, bewaffneten Wachmännern und Metalldetektoren“. Aufgabe der politisch Verantwortlichen ist es, dafür zu sorgen, dass jüdische Menschen sich in Deutschland sicher fühlen, sich nicht verstecken müssen oder an Abwanderung denken. Die im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien sind sich dieser Verpflichtung bewusst, versicherte Erler zum Schluss seiner Grußbotschaft.

Oberbürgermeister Dr. Dieter Salomon zeigte sich in seinem Grußwort erfreut und dankbar über das unmissverständliche und klare gesellschaftliche und politische Bekenntnis Gernot Erlers und betonte seinerseits die Notwendigkeit zu erhöhter Wachsamkeit in der heutigen Situation. Im folgenden bedankte sich der Oberbürgermeister für die gelungene Integrationsarbeit, die die jüdische Gemeinde Anfang der 90er Jahre im Zusammenhang mit dem Zuzug mehrerer hundert jüdischer Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion geleistet hat. Wörtlich sagte er: „Die jüdischen Zuwanderer aus Osteuropa haben die Freiburger Gemeinde um ein vielfaches vergrößert. Dabei hat die Gemeinde mitgeholfen, die Neuangekommenen in unsere Gesellschaft zu integrieren. Wir sind froh darüber, dass jüdisches Leben und jüdische Kultur heute wieder ein selbstverständlicher Teil unserer Stadtgesellschaft geworden sind.“ Dr. Salomon beendete seine Rede mit der wiederholten Versicherung: „Jüdisches Leben hier in Freiburg ist eine Bereicherung“.

 

Als Vertreter des Erzbischofs Stefan Burger überbrachte Domkapitular Dr. Peter Birkhofer die Grüße und Glückwünsche der Erzdiözese Freiburg. Er erinnerte an den Besuch von Papst Franziskus kürzlich in der römischen Synagoge. Dort versicherte Franziskus dem Oberrabbiner, dass die katholische Kirche auf dem Weg der Versöhnung mit dem Judentum nicht stehen bleibt oder gar umkehrt, sondern kontinuierlich weitergeht. Denn Kirche und Judentum gehören von der Wurzel her zusammen und sind auf das engste miteinander verbunden. Grundgelegt und formuliert, so führte der Domkapitular weiter aus, ist diese Überzeugung bereits in einem Konzilsdokument von 1965. In diesem Sinne sind auch die herzlichen Geburtstagswünsche des Erzbischofs gemeint. Im übrigen verriet Dr. Birkhofer, dass er zwar erst zum zweiten Mal in der Freiburger Synagoge weilt, dass seine Besuche aber in Zukunft zu einer schönen Gewohnheit werden könnten.

Stadtdekan und Dompfarrer Wolfgang Gaber bedankte sich für die Einladung und überbrachte als Ausdruck der nachbarschaftlichen Verbundenheit herzliche Grüße der im Dekanat zusammengefassten Freiburger katholischen Pfarrgemeinden. In seinem Grußwort bezog er sich ebenfalls auf den von Dr. Birkhofer erwähnten Konzilstext mit dem lateinischen Titel „Nostra Aetate“ (In unserer Zeit). Aus seinen Zeilen, so Gaber, ist unverkennbar die Mahnung zu hören, dass es in der heutigen Zeit für die Religionen ein Gebot der Stunde sein muss, aufeinander zuzugehen und sich mit Respekt, Achtung und Einfühlsamkeit zu begegnen. Offenheit und Bereitschaft zum  gegenseitigen Kennenlernen ist eine wesentliche Voraussetzung dazu, ebenso der Wille „dass wir in den Kindern und Jugendlichen einen neuen Weg gehen in die Zukunft.“

 

In Erinnerung an den großen jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber zitierte Pfarrer Michael Philippi, Vertreter des Evangelischen Dekanats Freiburg, die Verse des 84. Psalms in Bubers deutscher Übersetzung „Wie freundlich sind Deine Wohnungen...“ Mit diesen poetische Bibelworten drückte Philippi seine Freude darüber aus, dass die jüdische Gemeinde von Freiburg wieder in der Stadt einen Platz zum Wohnen gefunden hat, obwohl sie so viele Täler des Leidens durchschreiten musste. Die wunderbaren Psalmverse waren als literarisches Geburtstagsbukett der evangelischen Christen Freiburgs zum 150. Jubiläum der Israelitischen Gemeinde ausgewählt. An diesem Tag nicht verschweigen wollte Philippi die in der Vergangenheit für ein respektvolles Miteinander wenig hilfreichen Vorwürfe und Anschuldigungen von christlicher Seite aus gegen das Judentum. Deshalb zitierte er aus einer Erklärung, die zur Synode des badischen Kirchenparlaments formuliert wurde und in einer neuen Sichtweise die alten Positionen verwirft: „Durch Jahrhunderte wurden christliche Theologie, kirchliche Predigt, Unterweisung, kirchliches Handeln immer wieder von der Vorstellung belastet, das jüdische Volk sei von Gott verworfen. Dieser kirchliche Antijudaismus wurde zu einer Wurzel des kirchlichen Antisemitismus. Deshalb bekennen wir betroffen die Mitverantwortung und Schuld der Christenheit in Deutschland an Holocaust und  Shoa.“

Nach einem kurzen Zwischenspiel der Band Karsten Troyke & Trio Scho leitete Irina Katz über zu den beiden Festvorträgen des Abends. Zunächst stellte Dr. Ulrich Ecker, Oberarchivar und Leiter des Freiburger Stadtarchivs, die Quellen zur jüdischen Geschichte im Stadtarchiv Freiburg vor und informierte über die neuen Entwicklungen im 18. Jahrhundert. Dabei verwies er einleitend auf die verschiedenen Publikationen und Ausstellungen, die einen guten Überblick über die bisher geleistete umfangreiche Aufarbeitung der zur Verfügung  stehenden historischen Quellen bieten. Grundsätzlich unterteilte Dr. Ecker die vorhandenen Zeugnisse in Material aus der Zeit vor 1806 und Unterlagen aus den Jahren danach, weiter in Dokumente, die einerseits bei der Stadtverwaltung und andererseits in der jüdischen Gemeinde entstanden sind. Sie beziehen sich, so Dr. Ecker, auf jüdisches Vereinswesen, Gründung der Israelitischen Gemeinde, Synagogenbau, Einrichtung eines jüdischen Friedhofs und vieles mehr. Dazu kommen Verfolgungsakten aus der NS-Zeit, die aber in einem geringeren Umfang zur Verfügung stehen, denn die Polizei-, Gerichts- und Parteiakten landeten eher im Staatsarchiv als bei der Stadt. Abschließend bedankte sich Dr. Ecker für die Möglichkeit, über die Arbeiten und Erkenntnisse des Stadtarchivs im Bereich der jüdischen Quellenforschung berichten zu dürfen, und er verwies auf die bisherigen guten und freundschaftlichen Beziehungen zu Vorstand und Gemeinde, die auch in Zukunft weiter gepflegt werden.

Als weiterer Redner des festlichen Abends befasste sich Dr. Heinrich Schwendemann, Akademischer Oberrat am Historischen Seminar  der Universität Freiburg, mit der „Gründung der jüdischen Gemeinde in Freiburg“. Gut bekannt in der Gemeinde und freundschaftlich mit ihr verbunden schlug er in seinem Vortrag über jüdisches Leben in der Stadt einen weiten Bogen von der ersten urkundlichen Erwähnung  bis hin in die gegenwärtige Zeit. Zwar gibt es Vermerke, so Dr. Schwendemann, dass bereits um 1281 jüdische Einwohner in Freiburg leben, einen ersten gesicherten Nachweis aber bietet eine im Stadtarchiv befindliche Akte vom 12.10.1338, eine Judenverordnung, die den jüdischen Bürgern Autonomie zusichert, allerdings nur für wenige Jahre. Denn mit dem Pestausbruch 1348 setzt ihre Verfolgung ein, in der Dr. Schwendemann aber keine religiösen Motive als Ursache sieht, sondern vor allem lokalpolitische wirtschaftliche Gründe der städtischen Behörde. Denn mit der Verfolgung jüdischer Einwohner beabsichtigen die Stadtoberen, den Grafen von Freiburg, an den die Juden hohe Abgaben zahlen müssen, finanziell zu schädigen. Es bleibt für jüdische Menschen in den Folgejahren eine unsichere, wohl auch gefährliche Situation sich in Freiburg aufzuhalten, eine endgültige Vertreibung aus der Stadt erfolgt aber erst 1424, wie Dr. Schwendemann im weiteren ausführte. Wachsender Neid auf Juden wegen ihrer Geschäftstüchtigkeit, gepaart mit einer Dämonisierung ihrer Religion, führen zu dieser Entwicklung. Mit der Gründung des Großherzogtums Baden 1806 beginnt eine neue Ära für das Judentum. 14400 jüdische Menschen leben in dem neuen Herrschaftsbereich. Sie werden als Religionsgemeinschaft anerkannt und der Oberrat in Karlsruhe erhält eine Kirchenverfassung. Knapp 60 Jahre später, am 4. April 1862, wird der jüdischen Bevölkerung im Großherzogtum Baden Gewerbefreiheit zugesprochen, die auch mit der freien Wahl des Wohnsitzes verbunden ist. Von dort ist es nur noch ein kurzer Weg bis zur Gründung der Freiburger jüdischen Gemeinde, wie der Referent betonte. Am 31. Oktober 1864 stimmt der Oberrat in Karlsruhe der Neugründung der Gemeinde zu und am 11. Januar 1865 konstituiert sich die Gemeinde in Freiburg. Der Rückblick in die Geschichte beschreibt einen langen und von Leid geprägten Weg, den die jüdischen Menschen bis zu ihrer rechtmäßigen Gleichstellung gehen mussten.  Unter anderem ist auch die von den staatlichen Instanzen anerkannte und geschützte Gemeindegründung sichtbarer Ausdruck dieses Grundrechtes. Obwohl es die nationalsozialistischen Verbrecher in ihrem grausamen Vernichtungskrieg für eine gewisse Zeit außer Kraft setzten, hat es seit Überwindung des Terror-Regimes wieder ungebrochene Gültigkeit. Am Ende seines äußerst fundierten und kenntnisreichen Vortrags wurde Herr Dr. Schwendemann von den Zuhörerinnen und Zuhörern mit viel Applaus bedacht.

 

Nach Ende des offiziellen Festaktes wartete auf die rund 250 Mitglieder und Gäste der Gemeinde ein koscheres Büfett, das zu einem lebendigen Gedankenaustausch anregte. Die Vorsitzende hatte herzlich dazu eingeladen.

Mit einem Konzert von Karsten Troyka & Trio „Scho“ aus Berlin fand das Jubiläumsfest der Jüdischen Gemeinde Freiburg einen fröhlichen und musikalisch begeisternden Abschluss.

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