6. Russisch-deutsches Literaturcafé - Michail Ossorgin: Schriftsteller im gesellschaftlichen und politischen Umbruch Russlands

Text und Fotos: Roswitha Strüber

Das bei den Freunden der russischen Literatur inzwischen sehr geschätzte Russisch-deutsche Literaturcafé bescherte am Donnerstag,  den 14. April den zahlreich erschienenen Besucherinnen und Besuchern einen weiteren interessanten Leseabend. 

Den beiden Veranstalterinnen Irena Katz, Vorstandsvorsitzende der israelitischen Gemeinde Freiburg, und Dr. Elisabeth Willnat, Leiterin der Freiburger Stadtbibliothek,  die gemeinsam für die Veranstaltungsreihe verantwortlich zeichnen, war es gelungen, für diesen 6. Themenabend Brigitte von Kann und Küf Kaufmann als Referenten zu gewinnen.  Brigitte van Kann, die im Rahmen der Veranstaltungsreihe bereits Wassili Grossman und seinen Roman „Leben und Schicksal“ vorgestellt hatte, konnte mit ihrem Vortrag über Michail Ossorgins Roman „Eine Strasse in Moskau“ an diesem Abend erneut ihr Publikum überzeugen. Die russische Übersetzung der Texte lag in den Händen von Küf Kaufmann, der als Theaterregisseur in Leipzig tätig ist und zugleich als Mitglied dem Präsidium des Zentralrats der Juden in Deutschland angehört.

„Ich schreibe keine Literatur, ich beschreibe das Leben“. Diese Worte Michail Ossorgins sind gewissermaßen sein Credo und könnten nicht stimmiger seinen 1928 im französischen Exil geschriebenen Roman „Eine Straße in Moskau“ charakterisieren. In 86 eigenständigen Kapiteln, die gleich Mosaiksteinen sich genial zu einem Ganzen zusammenfügen, geht es um verschiedene Bewohner der kleinen Straße „Siwzew Wrazhek“ im Zentrum des alten Moskau in den Jahren 1914 bis 1920, einer Zeit der grundlegenden gesellschaftlichen und politischen Umbrüche in Russland. In den Personen des alten Ornithologieprofessors Iwan Alexandrowitsch und seiner Enkelin Tanjuscha erlebt der Leser die ganzen existenziellen Veränderungen mit, die der Erste Weltkrieg und die später folgende Oktoberrevolution den Menschen aufzwangen. Durch geschicktes Verweben der historischen Ereignisse mit den persönlichen biographischen Stationen Ossorgins (geboren 1878 in Perm, gestorben 1942 im französischen Chabris) gelang es Brigitte van Kann in ihrem Vortrag, dem Publikum ein facettenreiches Stück russischer Literaturgeschichte zu entwerfen. Bisher unveröffentlichtes Bildmaterial, u.a. mit Fotos aus der Kinder- und Jugendzeit des Schriftstellers, das das Literaturmuseum Perm zur Verfügung gestellt hat, illustrierten und ergänzten das Referat sinnfällig.

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