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Vortrag von Andreas Meckel am 9. November 2016 in der Synagoge Freiburg: "Die Ausstellung 'Nationalsozialismus in Freiburg' - Der Versuch einer Annäherung an die Nazizeit"

Liebe Frau Katz, meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

ich freue mich sehr, dass Sie heute am 9. November hierher gekommen sind, jenem Tag des Schreckens vor nunmehr 78 Jahren, dessen wir heute gedenken! Und dass Sie mich bei dem Versuch der Annäherung an eine  Ausstellung über die Nazizeit in Freiburg begleiten. Dass diese Annäherung ein Versuch bleiben muss, hängt ja auch damit zusammen, dass bis zum jetzigen Zeitpunkt niemand von uns hier im Raum diese Ausstellung gesehen hat - und dies auch nicht konnte, weil sie erst in gut zwei Wochen eröffnet wird. Wenn ich, wie auch Frau Katz, einen bescheidenen Wissensvorsprung besitze, dann hängt das damit zusammen, dass wir mit anderen in einem Beirat bei der Vorbereitung dieser Ausstellung mitgearbeitet haben. Auch habe ich mir bereits theoretisch einen Überblick über die Objekte verschaffen können, die dort zu sehen sein werden. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich die Ausstellung als Ganzes beurteilen kann, wie das ja ohnehin später nur aus meiner subjektiven Sicht möglich sein wird!

 

Auch die  Ausstellung selbst wiederum kann ja nur ein Versuch sein, sich der Realität und Komplexität des verbrecherischen Nazi-Systems anzunähern. Zu sehr ist unser aller Blick noch getrübt vom Nichtwissen um die Gesamtheit dessen, was damals passierte, von Vorurteilen, Prägungen und einer ganz natürlichen Abwehr gegenüber all dem Grauen, der Angst und dem Terror, die mit dem System des Nationalsozialismus verbunden waren und sind!

 

Zuerst möchte ich nun sagen, dass ich mich über diese Ausstellung freue! Einerseits kommt sie spät, andererseits aber genau zum richtigen Zeitpunkt  - was bei ihrer Konzeption noch gar nicht vorauszusehen war. Hat nicht unsere heutige politische  Situation in der Welt, in Europa und Deutschland Ähnlichkeiten mit der vor 90 Jahren, als der Ungeist des Nationalsozialismus am Horizont erschien? Die Nazi-Partei, die noch 1928 bei den Reichstagswahlen nur 5% der Stimmen bekam, brauchte bis zur "Machtübergabe" 1933 immerhin fünf Jahre. Wenn wir den rasanten Aufstieg der rechtsgerichteten Parteien in Europa in den letzten Jahren und der "Alternative für Deutschland" (AfD) in den letzten Monaten beobachten, können wir durchaus Wiederholungsängste entwickeln. Sie werden nur dadurch gemildert, dass wir in Deutschland im Gegensatz zu damals eine gute wirtschaftliche Situation haben. Ohne diese sähe es wahrscheinlich schlimmer aus!

 

Insofern, und das ist für mich der wichtigste Aspekt, muss eine solche Ausstellung darüber aufklären, was passiert, wenn Toleranz, Mitgefühl, Achtung, demokratische Kontrollen und der Schutz von Minderheiten verloren gehen. Wenn stattdessen Diffamierung, Ausgrenzung und Gewalt regieren, mancher Mitmensch sich unkontrolliert und in oft entsetzlicher Weise zum "Gegenmenschen" entwickelt - wie es der Schriftsteller Jean Améry einmal ausgedrückt hat. Wenn es einer Ausstellung also gelingt, gerade jungen Menschen, Schülern und Schülerinnen, diese Gefahr über das in der Ausstellung Gesehene und Erfahrene näherzubringen, ist das Wichtigste erreicht. Und so sehe ich zunächst den Zeitpunkt der kommenden Ausstellung in Verbindung mit ihrer Aufgabe als gut getroffen an.

 

Ich habe mir überlegt, dass ich dem Ausstellungskomplex selbst am besten über  Fragestellungen näher komme. Und so wäre als erstes zu fragen, warum eine solche im Grunde ja überfällige Ausstellung - trotz des erwähnten "richtigen" Zeitpunkts - so spät kommt. Nämlich mehr als 70 Jahre nach dem Ende des NS-Terrors.

 

Es gibt hierfür eine Reihe von Gründen. Der wichtigste ist sicherlich, dass unsere Stadt in der Phase kollektiver Verdrängung vom Kriegsende bis weit in die 1960 - er Jahre hinein, absolut keine Ausnahme bildete. Das fing schon unmittelbar nach Kriegsende an, als die Stadtverwaltung nicht wahrhaben wollte, dass im Konzentrationslager Theresienstadt nach der Befreiung eine Reihe jüdischer Überlebender aus Freiburg auf ihre Abholung wartete. Darunter diejenigen, die noch im Februar 1945 (!) von Freiburg dorthin verschleppt worden waren. Nachdem sich manche von ihnen von dort aus allein auf den strapaziösen Rückweg gemacht hatten, war erheblicher Druck nötig, um die Stadt an ihre Verpflichtung zu erinnern! Dies ist nur eine kleine Episode, die mir aber doch typisch für die Situation nach Kriegsende erscheint, in der die wenigen überlebenden Zurückgekehrten weitgehend sich selbst überlassen blieben und nun viele Jahre - voll mit bürokratischen Hindernissen - auf eine "Wiedergutmachung" warten mussten. Oft saßen sie dabei den Beamten gegenüber, die sie damals in diffamierender Weise um ihr Eigentum gebracht hatten. Es ist interessant, ob und wieviel es in der Ausstellung hierzu zu erfahren gibt.

 

Ausschlaggebend für das Verhalten der Bevölkerung auch hier gegenüber der eigenen Vergangenheit mit dem Unwillen zur Aufarbeitung war aber in erster Linie die politische Situation, die auf  Verdrängung und Verharmlosung ausgerichtet war. Sie entsprach der Stimmung in der Nachkriegszeit, in der die in den national- sozialistischen Unrechtsstaat verwickelten Deutschen - und wer war das nicht - ihre Verantwortung, von Schuld gar nicht zu reden, für das Geschehene ablehnten. Ich habe das zur Genüge in der eigenen Familie erfahren! Repräsentant dieser Gemütsverfassung war Bundeskanzler Konrad Adenauer, der "Naziriecherei" nach eigenem Bekunden nicht ausstehen konnte und viele alte Nazis in seiner Verwaltung beschäftigte. Er sah in einer Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ein Hindernis für das angestrebte Wirtschaftswachstum und die schnelle Integration Deutschlands in die westliche Staatengemeinschaft. Was für die Bundespolitik galt war auch für die Bundesländer und Gemeinden rechtens. Solange der ehemalige "furchtbare" Jurist und Marinerichter Filbinger als Ministerpräsident von Baden-Württemberg möglich war, konnte es keine wirksame Aufarbeitung des Unrechtssystems geben, für das er gestanden hatte. Er wohnte in Freiburg und die Stadt ertrug es eher verhalten, als er nach dem Tod in der Trauerfeier für ihn vom damaligen Ministerpräsidenten Oettinger als "Gegner des NS-Regimes" (!) bezeichnet wurde.

 

Zu der Frage des, wenn auch späten, Zustandekommens der Ausstellung gehört sicher auch die Aktivität der "Initiative Freiburg braucht eine Mahn- und Gedenkstätte", in der ich mitgearbeitet habe. Wir verwiesen immer wieder darauf, dass Orte wie Offenburg, Konstanz, Lörrach oder Emmendingen über Einrichtungen verfügen, in denen Erinnerung verortet ist. In Freiburg aber ist tatsächlich kein einziger Ort vorhanden, wo sich interessierte Menschen/Schulklassen/Touristen über die NS-Zeit informieren können. Es existiert zwar jetzt eine in Jahren ausgearbeitete Konzeption für eine solche Mahn- und Gedenkstätte in Freiburg, die aber aus finanziellen Gründen schließlich vom Oberbürgermeister abgelehnt wurde. Es liegt nahe, dass die kommende NS-Ausstellung, die als Idee in der Schlussphase der Gespräche unserer Initiative mit der Stadt auftauchte, eine wesentlich billigere Kompensation darstellt. Unsere Initiative drängt natürlich darauf, dass die Objekte und die Konzeption der Ausstellung in den nächsten Jahren so präsent bleiben, dass eine spätere Übernahme in eine neu zu errichtende Freiburger "Mahn- und Gedenkstätte" dann möglich sein wird.

 

Nun zur Frage, was eine solche Ausstellung bieten muss. Die Antwort ist einfach: eine umfassende Darstellung der NS-Zeit in Freiburg, die das damalige Unrechtssystem so weit wie möglich  chronologisch unter Einbeziehung der Opfer und der Täter erfasst. Bei näherem Hinsehen wird sich das sicherlich als ein sehr hoher Anspruch herausstellen. So sind von den Tätern der NS - Zeit viele nach wie vor  unbekannt und die Opfergruppen sind noch bei weitem nicht gründlich erforscht - was bei der voranschreitenden Zeit auch immer schwieriger wird. Damit wird natürlich auch eine erschöpfende Beschreibung der damaligen Zeit in Freiburg schwierig bzw. unmöglich. Es wird also eine Auswahl geben, die trotzdem Anspruch auf genügend Aussagefähigkeit besitzen muss. So kommt es auf die Gewichtung an, die wir in der Ausstellung sehen werden: sind Opfer und Täter entsprechend dargestellt, sind alle wichtigen Bereiche wie Kunst, Kultur, Literatur mit ihren damaligen Repräsentanten vertreten und ist der abscheuliche Raubzug unter dem Begriff "Arisierung" in seiner Bedeutung erkannt und wird entsprechend gezeigt?

 

Wer weiß in Freiburg etwas über die Opfer des sogenannten "Sondergerichts", das in dieser Stadt damals allein fast 30 Todesurteile gefällt hat, wer etwas über die Opfer der Militärjustiz, die hier mehr als 40 Verurteilte exekutieren ließ, und was wissen wir  schließlich über das Schicksal der Homosexuellen und der sogenannten "Asozialen" in dieser Stadt, das nicht einmal in Ansätzen erforscht ist und Menschen betraf, die von dem Unrechtssystem willkürlich stigmatisiert, verfolgt und ermordet wurden, weil sie der von den Nazis propagierten "Volksgemeinschaft" nicht angehören wollten oder von ihr ausgeschlossen wurden. Weitere Fragen ergeben sich nach dem lange in Freiburg nicht wahrgenommenen Schicksal der Sinti und Roma, die von der Bevölkerung fast unbemerkt, und auch kaum bedauert, 1943 in ein entsetzliches Schicksal abtransportiert wurden.

 

Nun zur nächsten Frage. An wen richtet sich die Ausstellung, wer soll, wer wird sie besuchen?                 

 

Zuerst richtet sich die Ausstellung natürlich an die Freiburger Bevölkerung, die - eine Wunschvorstellung - möglichst vollständig die nationalsozialistische Vergangenheit der Stadt  besichtigen und sich damit auseinandersetzen sollte. Gehen wir dabei von etwa 200 000 möglichen Besuchern und Besucherinnen aus, so würde das für die Laufzeit von 10 Monaten täglich allein aus Freiburg eine Besucheranzahl von 1000 Menschen und insgesamt 50 000 verkaufte Kataloge bedeuten. Denn ein Katalog der Ausstellung gehört natürlich in jeden Freiburger Haushalt. Dass diese Rechnung unrealistisch ist, braucht nicht besonders betont zu werden. Sind die Erwartungen tatsächlich zu groß? Es sollte sich eine respektable Besuchszahl erreichen lassen, vor allem durch die Freiburger und FreiburgerInnen. Denn es ist wichtig, dass gerade sie sich darüber informieren, was in den unseligen 12 Jahren Stadtgeschichte von 1933 bis 1945 in ihrer Stadt passiert ist. Und wenn in dreieinhalb Monaten in die Ausstellung der Werke des Malers Winterhalter im Augustinermuseum knapp 63.000 Menschen gekommen sind, dürfen es in 10 Monaten in der NS-Ausstellung schon ein paar mehr sein!

 

Obwohl: es ist für mich immer wieder erstaunlich, wie wenig Kenntnis über die Nazi-Zeit im Gedächtnis der Stadt heute vorzufinden ist. Dabei gibt es eine große Zahl von Veröffentlichungen, die sich damit beschäftigen. Zu nennen ist als erstes die offizielle Stadtgeschichte, in der wesentliche Geschehnisse und Fakten zur NS-Zeit nachgelesen werden können (Geschichte der Stadt Freiburg in drei Bänden). Als zweites ist das Stadtarchiv zu nennen, das in einer speziellen Broschürenreihe, aber auch in einer von ihm betreuten Publikation (Schauinsland) besondere Aspekte von Stadtpolitik, Verfolgung und Terror in dieser Zeit herausgearbeitet hat. Der leider eingestellte "Freiburger Almanach" und die Schriftenreihe sowie die Publikationen des Vereins "Badische Heimat" haben entsprechende Aufklärungsarbeit betrieben. Es gibt zwei von der Stadt Freiburg unterstützte und publizierte Doktorarbeiten (Christine Brucher-Lembach: "wie Hunde auf ein Stück Brot, Die Arisierung und der Versuch der Wiedergutmachung in Freiburg", sowie Kathrin Clausing: "Leben auf Abruf, zur Geschichte der Freiburger Juden im Nationalsozialismus"), die eine recht umfassende Darstellung der Nazizeit liefern. Die "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten" in Freiburg hat schon früh ein Buch vorgelegt, das sich vorwiegend mit der Verfolgung und dem Widerstand von Kommunisten und Sozialdemokraten Freiburgs in der NS-Zeit beschäftigt ("Verfolgung, Widerstand,  Neubeginn in Freiburg 1933 -1945"). Zu nennen sind hier ferner die zwei Bücher der verfolgten Sozialdemokratin Käthe Vordtriede ("Es gibt Zeiten in denen man welkt, Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933" und "Mir ist es noch wie ein Traum, dass mir diese abenteuerliche Flucht gelang, Briefe aus Freiburg im Breisgau, Frauenfeld und New York an ihren Sohn Werner"), das einigen von Ihnen bekannte Buch "Ein kleiner Händler, der mein Vater war" von Lotte Paepcke, "Vom KZ ins (Freiburger) Kloster" von Schwester Theodolinde Katharina Katzenmaier sowie das Buch "Sainte Radegonde, Traum und Tragik der jüdischen Familie Abraham aus Baden: Rust-Freiburg-Saumur-Auschwitz 1900 - 1950" von Peter Künzel. Um sich mit einer größeren Anzahl von Schicksalen

in einer Publikation beschäftigen zu können ist das Buch der Initiatorin der STOLPERSTEINE, Marlis Meckel, "Den Opfern ihre Namen zurückgeben, Stolperteine in Freiburg" zu empfehlen oder mein Beitrag " Zustimmung, Anpassung, Gewalt und Widerstand, Freiburg unter dem Hakenkreuz" in dem Buch "Dem Vergessen entreißen" aus der Schriftenreihe der Badischen Heimat. Akribisch ist der Freiburg betreffende Luftkrieg erforscht und dargestellt worden: Gerd  R. Ueberschär: "Freiburg im Luftkrieg 1939 - 1945" und schließlich gibt es auch ein umfassendes Werk über die Freiburger Universität in der Nazizeit ("Die Freiburger Universität in der Zeit des Nationalsozialismus"). Einer der Herausgeber, Professor Hugo Ott, hat sich darüber hinaus umfangreich publizistisch mit der Person des umstrittenen Freiburger Universitätsrektors Martin Heidegger beschäftigt und mit dem Buch "Laubhüttenfest 1940 Warum Therese Loewy einsam sterben musste" das berührende Schicksal einer jüdischen Professorenwitwe beschrieben, die vor der Deportation nach Gurs in den Freitod ging. Zahlreiche Ausstellungen über Teilaspekte des nationalsozialistischen Unrechtsregimes allgemein hat es in den letzten Jahren in Freiburg gegeben, begleitet von entsprechenden Publikationen. So zu "Euthanasie", Militärjustiz und "geraubten Kindern". Stellvertretend für alle möchte ich hier den neu aufgelegten Ausstellungskatalog "Nazi-Terror gegen Jugendliche, Verfolgung, Deportation  und Gegenwehr in der Region Freiburg" nennen (Verlag Regionalkultur). Schließlich ist auch der äußerst erfolgreiche Besuch des "Zugs der Erinnerung" auf dem Freiburger Hauptbahnhof zu erwähnen, der in drei Tagen mehr ca. 8.000 Menschen anzog. Sein Thema waren die durch die damalige Reichsbahn durchgeführten Deportationen von Millionen Opfern in die Mordlager. Gerade für Jugendliche, die in zahlreichen Schulklassen durch die Ausstellung in den Waggons gingen, war das ungewöhnliche museale Konzept in Form des von einer Dampflokomotive gezogenen Zuges von großer Attraktivität. Wieweit das von einer "stationären" Ausstellung in einem eher für Kunstausstellungen bekannten und geeigneten Ambiente zu schaffen sein wird, bleibt der Erfahrung in den kommenden Monaten vorbehalten.

 

Dies kann natürlich keine vollständige und erschöpfende Aufzählung von Informationsmöglichkeiten über die Nazizeit in Freiburg sein. Doch sie zeigt die Fülle an vorhandenen und abrufbaren Informationen. Und so verwundert es immer wieder, wie wenig über die NS-Zeit in Freiburg wirklich bekannt ist. Nicht einmal die Kenntnis von der damaligen Existenz großer jüdischer Kaufhäuser (Knopf, Kaufhaus Modern) hat sich erhalten oder das Bewußtsein, einst in einer aufstrebenden Bäderstadt gelebt zu haben, wie es die hier in der Synagoge gezeigte kleine Ausstellung über das beliebte Bad Rebhaus der 1933 vertriebenen Familie Lasker zu vermitteln versuchte. So steht die vor uns liegende Ausstellung vor der großen Aufgabe, dieses Bewußtsein wieder zu aktivieren und damit auch die Erinnerung an die Zeit erfolgreichen und kreativen jüdischen Agierens zurückzuholen. Ob und wie das gelingen wird, gehört für mich zu den spannendsten Fragen um das Ausstellungsprojekt!

 

Doch zurück zur Frage nach den Besuchenden. Neben den Freiburgern und FreiburgerInnen werden natürlich auch viele Menschen aus dem Umland erwartet. Schließlich saßen die Behörden, die von den Nazis "gleichgeschaltet" worden waren und für die Umgebung Freiburgs, wie den Kaiserstuhl, das Markgräflerland und den Hochschwarzwald, zuständig waren, in Freiburg. In der Stadt befanden sich die Kommandozentralen des Terrors: Gestapo, SS und SA, sowie die Verwaltungszentren der zahlreichen Nazi-Organisationen, von der "Volkswohlfahrt" bis zum "Winterhilfswerk", von der Parteizentrale bis zu zahlreichen berufsständischen NS-Organisationen. Wie die von den Nazis propagierte "Volksgemeinschaft" Stadt und Umland einschloss, so drang der Terror der Nazis noch in den letzten Winkel des Hochschwarzwalds. So mancher Ortsbauernführer kam überraschend zu abgelegenen Bauernhöfen, die Zwangsarbeiter aus den vom Deutschen Reich okkupierten Gebieten beschäftigten. Fand er diese, was keinesfalls die Regel, sondern eher die Ausnahme war, von der Bauernfamilie wohlwollend aufgenommen und mit ihr sogar verbotenerweise am Eßtisch vereint vor, war die Meldung an die Gestapo mit den entsprechenden Konsequenzen kaum zu vermeiden. Eher noch als in der Stadt, wo ein Rest von Anonymität und Rückzug bestand, war die Kontrolle, die in dörflichen oder kleinstädtischen "Volksgemeinschaften" untereinander ausgeübt wurde, oft strenger, das Ausmaß an Denunziation größer. Es wäre gut, wenn in die Ausstellung auch der von Freiburg aus verwaltete ländliche und kleinstädtische Bereich mit Exponaten und Beispielen aus dem NS-Alltag von Verfolgung und Willkür einbezogen würde. Kamen nicht in der NS-Zeit jüdische Familien aus umliegenden Gemeinden wie Ihringen oder Rust nach Freiburg, um hier Unterschlupf und Sicherheit zu finden? Deshalb halte ich es für wichtig und sinnvoll, durch entsprechende Werbung, z. B. mit Plakaten, die Bevölkerung auch im weiteren Umkreis von Freiburg auf die Ausstellung aufmerksam zu machen und zu ihrem Besuch einzuladen!

 

Es bleibt noch eine dritte für die Ausstellung wichtige Gruppe von Besuchern: die Touristen. Sie sind natürlich vor allem daran interessiert, die "schöne Seite" von Freiburg zu sehen und zu genießen. Verständlich, doch Freiburg hatte vor nur 80 Jahren neben dem auch heute attraktiven Gesicht aus Bächle, alten Häusern, Markt und Münster, das häßliche Gesicht eines gemeinen und verbrecherischen Regimes, das sich mit Hakenkreuzfahnen und pompösen Aufmärschen schmückte und Terror und Angst verbreitete. Es wäre im Sinne einer gelingenden Reflexion und Aufarbeitung falsch, den Freiburg besuchenden Touristen die Stadt nur aus einer einseitigen Perspektive näher zu bringen. Die meisten der ausländischen Besucher und Besucherinnen kommen aus Ländern, die unter der Nazi-Okkupation gelitten haben oder auch aus Israel. Sie werden durchaus Interesse daran haben, bei einem Gang durch die Ausstellung einen Eindruck davon zu gewinnen, wie sich der Nationalsozialismus in unserer auf den ersten Blick so idyllisch vorgefundenen Stadt in den Jahren des Terrors ausgewirkt hat. Durch gezielten Einsatz von Werbemitteln wie Plakaten, Prospekten und Hinweisen  sollte versucht werden, Besucherinnen und Besucher der Stadt in die Ausstellung zu bringen.

 

Wenden wir uns nun der Ausstellung selbst zu, wird uns die wichtige Frage beschäftigen müssen, ob und inwieweit eine Ausgeglichenheit bei wichtigen Themen, bei dargestellten Schicksalen und Exponaten in einer solchen Ausstellung erwartet und hergestellt werden kann. Natürlich sind die Ausstellungsmacher davon abhängig, was an - meist spärlichen - Ausstellungsstücken aus der NS-Zeit vorgefunden wird oder ausfindig gemacht werden kann. Zudem ist sicherlich das Tabu, das die NS-Zeit umgibt, noch stark wirksam. Manche Familien werden den SS-Ehrendolch des Opas lieber in der Schublade lassen, als ihn in einer Ausstellung wiederzufinden. Und dass die Eckkommode einst einer jüdischen Familie gehörte und auf einer Auktion von Raubgut ersteigert wurde, ist höchstens einem sehr engen Kreis in der Familie bekannt. So hat denn auch das einzige in der Ausstellung für eine solche Versteigerung beschlagnahmte Möbelstück, der Schachtisch der Familie Schwarz, eine ungewöhnliche Geschichte. Er gehörte der nach Gurs deportierten Jeannette Schwarz und konnte von ihrer nicht von der Deportation betroffenen Schwiegertochter ersteigert werden. Zu diesem von der Begrenztheit der Exponate her begründeten Ungleichgewicht kommen natürlich auch die subjektiven Einstellungen und Vorlieben der Ausstellungsmacher gegenüber dem, was gezeigt werden sollte - oder eben nicht. Davon ist auch der Stellenwert abhängig, den Kunst und Kultur, also Literatur, Musik, bildende Kunst, Theater und Kino - allesamt "gleichgeschaltete Bereiche" in der Ausstellung erfahren. Es gab in der Nazizeit nicht nur Schriftsteller wie Reinhold Schneider, der - in bitterer Selbsterkenntnis - sich erst spät zum Widerstand entschloss, sondern auch den Erfinder des Hörspiels und Lyriker Hans Arno Joachim. Er floh schon früh nach Paris, verbrachte dort Jahre in Armut und wurde schließlich in Auschwitz ermordet. Sein FreundAlfred Kantorowicz, dem die Flucht aus Südfrankreich in letzter Minute gelang, schildert ihn angesichts des entsetzlichen Verfolgungsdrucks als einen dem Untergang geweihten Menschen. Er sei, schreibt er, nicht in der Lage gewesen, den Überlebenskampf mit Behörden und vor Konsulaten in Südfrankreich zu führen, wohin er verzweifelt geflohen war. Sein berührendes Gedicht über Freiburg, das ich gerne zitieren möchte, sollte eigentlich in der Ausstellung nicht fehlen:

 

Der sich Deiner erinnert, mein Gott

Zu Freiburg einer Stadt, welche gelegen ist an drei Quellen

Und nunmehr ein Fremdling geworden ist

im Lande Deutschland

wie seine Großväter waren in Ägypten und

seine Väter in Babylon

 

In Freiburg hat es gleich mehrere Bücherverbrennungen gegeben, Anlaß für Martin Heidegger sich bei einer von ihnen mit hohlem Pathos selbst zu inszenieren und zu deklamieren "Flamme künde uns, leuchte uns, zeige uns den Weg". Die Gleichschaltung des Theaters, die sich der neue NS-Oberbürgermeister Kerber persönlich vorbehielt, kostete den bisherigen Intendanten unter der üblichen Hetze und Diffamierung die Stellung und führte nun zu Aufführungen, die der "Volksgemeinschaft" gefallen sollten. Darunter das miserable Erfolgsstück "Schlageter" des Nazi-Schriftstellers Hanns Johst. Es beschäftigt sich mit Leben und Schicksal des aus Schönau im Wiesental stammenden Leo Schlageter, den die Nazis zu einer Kultfigur aufbauten und mit Aufmärschen, Heldenfeiern und Straßenbenennungen ehrten. Warum? Schlageter hatte bereits früh in  NS-Vorläufervereinigungen seine Gesinnung demonstriert. Die Franzosen hatten ihn in dem von ihnen besetzten Rheinland wegen Terroranschlägen hingerichtet. Er passte als Terrorist in die terroristische Nazi-Bewegung. Mein Vater, Journalist und Schriftsteller, hat damals als Chefredakteur einer von ihm "gleichgeschalteten"

Literaturzeitschrift in Berlin leider eine sehr positive Besprechung des Theaterstücks publiziert.

 

Für ein wichtiges Ausstellungsthema halte ich auch die sogenannte "Arisierung". Die Freiburger Behörden haben tatkräftig mitgeholfen, den Raubzug der Nazis gegen das jüdische Vermögen in der Stadt zu unterstützen! Ob es die "Liebig-Säge" war, die plötzlich kein Holz mehr aus dem Stadtwald erhielt, das Sanatorium "Rebhaus", dem, trotz Überfüllung der Stadt mit Touristen, keine Gäste mehr zugewiesen wurden, ob jüdische Kaufleute keine örtlichen Messen mehr besuchen durften oder der jüdische Inhaber vom Weinhaus Daube der Weinpanscherei und des Steuerbetrugs bezichtigt wurde - die Behörden der Stadt waren enorm erfinderisch beim Ersinnen von ständig neuen Schikanen und Diffamierungen. Bis die Opfer aufgaben, ihre Firmen mit ganz wenigen Ausnahmen weit unter Wert verkauften, wobei die Verkaufssummen auch noch zum Teil oder ganz vom Finanzamt konfisziert bzw. auf ein "Sperrkonto" überwiesen wurden. So ihrer mit Fleiß und Kreativität aufgebauten Existenz beraubt reagierten manche der Betroffenen mit Krankheit oder Herztod, wie Emil Rawitscher (Kaufhaus Modern) oder Martin Goldmann, dessen Vater, der Millionär Konrad Goldmann, im KZ Drancy verhungerte. Alfons Adler (Schuhaus Adler) ging in Uruguay, dem Land seines unfreiwilligen Exils, in den Freitod. 1939 existierte von den bei Beginn der Nazi-Herrschaft in Freiburg vorhandenen 242 jüdischen Geschäftsbetrieben kein einziger mehr!

 

Es würde zu weit führen und sicherlich auch den Rahmen der Ausstellung sprengen, wenn hier im einzelnen die Schicksale der jüdischen Bevölkerung Freiburgs dargestellt werden sollten. Aber einige typische, wie die des schon erwähnten Weinhändlers Berthold Daube, würde ich mir wünschen. Er überlebte mit seiner Frau  unter schrecklichen Bedingungen zwar halb verhungert die NS-Zeit in dem von vielen als sicher eingeschätzten Holland. Doch sein Sohn Jakob fiel einer Razzia dort zum Opfer und wurde in Auschwitz ermordet. Und dieser Wunsch gilt natürlich auch für repräsentative Schicksale von Angehörigen aller anderen Opfergruppen.

 

Der Nazionalsozialismus ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung wird sein Zustandekommen aus historischer Sicht zeigen. Dazu gehören auch die ideologischen Scharfmacher, die Repräsentanten und Vollstrecker des Terrors. Nach meinem Eindruck, den ich natürlich nicht aus der unmittelbaren Inaugenscheinnahme herleiten kann, sind einige der wichtigsten NS-Täter in und aus Freiburg in der Ausstellung zu finden. Der allerschrecklichste von ihnen, neben Hitler, Himmler, Goebbels etc., die auch Freiburg besucht haben, war Josef Mengele, der sadistische Lagerarzt von Auschwitz, der während des Krieges mehrfach in Freiburg war, um seine hier damals an der Sonnhalde lebende Familie zu besuchen.

 

Diesen Tätern fielen unzählige unschuldige Menschen zum Opfer. Und wenn wir auch derer nicht im einzelnen gedenken können, so sollte die Ausstellung doch  Zahlen nennen, um die Dimension des nationalsozialistischen Terrors deutlich zu machen: die Zahl der 1933 in Freiburg vorhandenen jüdischen Bevölkerung, der zur Flucht gezwungenen Menschen, der nach Dachau und nach Gurs Verschleppten, der dort Ermordeten, der von Gurs und seinen schrecklichen Nebenlagern über das KZ Drancy nach Auschwitz gebrachten Freiburgern und Freiburgerinnen, der aus Freiburg in wieviel Transporten wann nach Theresienstadt gebrachten jüdischen Menschen und schließlich Zahlen - soweit vorhanden - zu den Angehörigen aller anderen Opfergruppen!

 

Mir liegt besonders auch die Herausstellung des raubmörderischen Aspekts des NS-Regimes am Herzen. Die Nazis haben ja nicht nur die von ihnen besetzten Länder systematisch ausgeraubt - vom Weizen und Gemüse auf den Feldern bis zu den Kunstwerken in den Museen. Auch in Deutschland selbst wurde den Opfern in einem unerhörten Ausmaß Vermögen geraubt und innerhalb der "Volksgemeinschaft" untereinander aufgeteilt. Ich meine hier nicht nur die nach der Verschleppung der Opfer durchgeführten Beschlagnahmungen und Auktionen, sondern die bereits erwähnte "Arisierung" jüdischer Unternehmen. Hier sollten die Besuchenden der Ausstellung Informationen über das Wie, Wann und Was dieses ungeheuerlichen Raubzuges auch in Freiburg erhalten. Die Umgebung nicht ausgenommen, denn die jüdischen Firmen in Freiburg waren auch in der Umgebung verankert, das Arbeitsfeld jüdischer Ärzte und Rechtsanwälte nicht auf Freiburg beschränkt. Der Präsident der Freiburger Industrie- und Handelskammer in der Nazi-Zeit, Emil Tscheulin, war ein Unternehmer aus Teningen, Gründer der dortigen SA, Profiteur von "Arisierung" und Zwangsarbeit in seinen Betrieben und nach jahrelanger Internierung schnell wieder oben und sogar Ehrenbürger der Gemeinde Köndringen - wohlgemerkt: nach dem Krieg!

 

Wir wissen nicht erst heute, welch entscheidende Rolle die Presse vor, während und nach der "Gleichschaltung" in Freiburg gespielt hat. Und zwar nicht nur der "Alemanne", eine wahre Dreckschleuder an Lügen, Verleumdungen, Unterstellungen und Gemeinheiten. Sondern auch die mehr bürgerlich ausgerichteten restlichen vier Zeitungen, die aber alle noch vor dem Kriegsende eingestellt wurden. Es wäre interessant zu sehen, wie anhand von Beispielen die Medien in Freiburg sich vor und während der Nazi-Zeit dem herrschenden Zeitgeist angepaßt haben, und in welchem Umfang sie zu der Verrohung, Brutalisierung und Entmenschlichung des Systems beigetragen haben, das ihnen selbst dann ihre Existenz genommen hat.

 

Und schließlich wünsche ich mir in der Ausstellung eine Auseinandersetzung mit der Rolle der Kirchen während der Nazi-Zeit in Freiburg. Wir wissen heute, dass beide Amtskirchen bis auf wenige Ausnahmen mutiger Einzelner, die dafür verfolgt wurden, sich dem Nationalsozialismus angepasst haben und ihn nicht nur nicht verhindern wollten, sondern unterstützt und gefördert haben. Dieser Eindruck drängt sich bei der Lektüre der Hirtenbriefe bzw. Verlautbarungen zu den letzten freien und später unfreien Wahlen auf. Sicherlich gab es Widerstand von seiten der "Bekennenden Kirche". Der umstrittene Erzbischof Konrad Gröber, förderndes Mitglied der SS, im Volksmund der "Braune Konrad" genannt, hat nicht nur Gertrud Luckner bei ihren Hilfsaktionen für verfolgte Juden unterstützt und vorsichtige Kritik an dem "Euthanasieprogramm" der Nazis geübt. Doch auf der anderen Seite stand er voll hinter dem vom Zaun gebrochenen Krieg der Nazis und gab entsprechende Orientierungshilfe für die deutschen Soldaten. Zitat aus "Ein Hirtenwort an die Soldaten im Feld" unter der Überschrift "Arbeite als ein guter Kriegsmann Christi" (2 Timotheus 2,3): "Soldatentod ist... Opfertod, Opfertod ist Heldentod. Heldentod ist ehrenvoller Tod, ein Ruhmeskranz... Damit werdet ihr mit dem deutschen Volk quitt. Es gab Euch sein ruhmreiches Blut, und ihr gebt ihm das kostbare eure." 1942 dann: "Unsere toten Helden starben als Sieger" und in einem "Hirtenschreiben" vom 8. Mai 1945: "Wozu die Soldatengräber nach Millionen und Millionen, und wozu in der Heimat Trümmer über Trümmer wie noch nie..." doch: "Welches sind denn die Ursachen, die zu dieser schrecklichen Katastrophe führten? Dabei sprechen wir von jenen auf dem militärischen Gebiete nicht. Wir sind dafür keineswegs zuständig und verfügen auch nicht über das notwendige fachmännische Wissen." Ich denke, dass die Zitate für sich sprechen.

 

Wenn wir nun auf dem militärischen Gebiet bleiben, so wird die Ausstellung - so ist wenigstens meine Information - diesen Aspekt für Freiburg durchaus einbeziehen! Es wird Informationen zum Fliegerangriff auf Freiburg am 27. November 1944 aus dem Alemannen geben, Bomben und Munition verschiedenster Ausfertigung, Gasmaske, Fernrohr, Feldklappspaten und vieles andere mehr. Es soll anhand der zahlreichen Exponate, deren Einordnung und Beschreibung in der Ausstellung ich nicht kenne, auf die Schrecken des Krieges und die schon früh und später  entschiedene und schließlich verzweifelte Ausrichtung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft auf den Krieg als Mittel

verwiesen werden, andere Menschen und Staaten der verbrecherischen Nazi-Ideologie anzupassen, zu unterjochen und zu opfern.

 

Angesichts dieses martialischen Aufmarschs - um im Vokabular zu bleiben - von kriegerischen Attributen,  beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Wird sich hier - natürlich unbeabsichtigt - ein Schlupfloch auftun, aus dem Betroffenheitsgefühl entweichen kann, um durch den Opferstatus ersetzt zu werden? So, wie noch lange Zeit nach dem Krieg, als die Deutschen in der Opferrolle verharrten, die alle Täter wie selbstverständlich für sich in Anspruch nahmen, angesiedelt zwischen Befehlsnotstand und Siegerjustiz?

 

Aus der Volksgemeinschaft wurde eine Schicksalsgemeinschaft, in der Verantwortung und Schuld nicht mehr zu- und nachweisbar waren. Bei der Vorstellung des Buchs "Dem Vergessen entreissen", das der Beschreibung und Aufzählung der rund 3.000 Toten des 27. November 1944 in Freiburg gewidmet ist, sagte der Vorsitzende der "Badischen Heimat" als

Herausgeberin des Buchs, von Ungern-Sternberg, der Luftangriff auf Freiburg sei "sinnlos" gewesen. Dem ist zuzustimmen, aber doch mit der Einschränkung, dass es die Deutschen waren, die den sinnlosen Krieg begonnen hatten, und dass der Angriff auf Freiburg der Logik dieses Krieges folgte. Da diese Einschränkung aber fehlte, wurde den von dem Luftangriff Betroffenen damit zu einem einseitigen Opferstatus verholfen.

 

Die Ausstellungsmacher werden also sehr überlegt vorgehen müssen, um den Besuchenden am Ende des Rundgangs das Gefühl zu verwehren, auch die Deutschen hätten schließlich so unter dem Krieg gelitten, dass sich nun ein Gleichgewicht des Leids ergeben habe. Dies hieße, die Opfer des nationalsozialistischen Terrors in Deutschland selbst und im Ausland ein weiteres Mal zu demütigen. Denn die Entlastung der Deutschen von der eigenen Schuld, nach Jean Améry der Tatschuld, der Unterlassungsschuld, der Redeschuld, der Schweigeschuld  ist ja nichts anderes!

 

Und noch eine andere Gefahr sei hier angemerkt.  Es ist die sogenannte "Schlussstrichmentalität". Menschen, die Schlussstriche unter eine Zeit ziehen wollen, unter der Opfer nach wie vor leiden, stellen sich bewußt jeder Aufarbeitung entgegen. Durchaus denkbar, dass in ihren Augen die kommende Ausstellung als ein solcher Schlussstrich gesehen wird. Und diese Gefahr ist dadurch real, dass wir uns im Augenblick tatsächlich in einer Übergangsphase zwischen aktivem Gedenken, das uns zu Betroffenheit und Reflexion führen kann, und geschichtlicher Betrachtung befinden, welche Distanz und eine nur unverbindliche kognitive Beschäftigung mit der NS-Zeit ermöglicht. Die Ausstellung muss deshalb das Gefühl hinterlassen, dass die Zeit der Willkür, des Unrechts und des Terrors keinesfalls ad acta gelegt werden kann, sondern eine Aufforderung für Freiburg ist, das damalige Geschehen begreiflicher zu machen. Sie wird, da sollte Klarheit herrschen, nicht jene erreichen können, die sagen: "Das geht mich nichts (mehr) an". An ihnen prallen ja ohnehin alle vitalen Gefühle ab. Wie sollte das eine Ausstellung ändern, um die sie einen Bogen machen werden?

 

Und da gibt es auch - wieder - jene, die auf die  Ausstellung mit offener Ablehnung, wenn nicht Hass, reagieren werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass beispielsweise der "Alternative für Deutschland" (AfD) Nahestehende mit unvoreingenommenem Interesse die Ausstellung besuchen werden. Wenn die AfD-Vorsitzende Frauke Petry ohne Widerspruch innerhalb ihrer Partei dreist die Wiedereinführung des auf das äußerste belasteten Worts "völkisch" propagiert, ist das ein Schritt, über den vor allem der einst verfolgte scharfsinnige Beobachter der Nazi-Diktatur, Viktor Klemperer, entsetzt wäre. Er hatte in seinem nach dem Kriege veröffentlichten Buch "LTI", das ist eine Abkürzung für "Lingua Tertii Imperii", übersetzt "Die Sprache des Dritten Reichs", beschrieben und nachgewiesen, wie der Einsatz und Gebrauch solcher Begriffe das Bewußtsein der Menschen verbogen und manipuliert hat. Aktuelles Beispiel: wenn der STERN auf seiner Titelseite Angela Merkel und Frauke Petry abbildet und darunter schreibt "DER KAMPF", dann haben wir es hier doch auch wieder mit einer  Manipulation zu tun. Die AfD kann sich zu dieser Aufwertung nur beglückwünschen!

 

Wir müssen also aufpassen, wachsam sein und uns Entwicklungen entgegenstemmen, die die Welt schon einmal ins Unglück geführt haben. In der zweiten Hälfte der Dreissigerjahre des vorigen Jahrhunderts haben in Europa mehr als 60 Prozent der Menschen in autoritären, demokratiefeindlichen Ländern gelebt. Sehen wir uns heute die europäische Landkarte unter diesem Aspekt an, so scheint es wieder eine einseitige Entwicklung in diese Richtung zu geben. Nach meiner Meinung sollte die Ausstellung auch zeigen, dass wir uns noch immer oder schon wieder in der Auseinandersetzung mit den unseligen Kräften der Vergangenheit befinden!

 

Diese Auseinandersetzung erfordert auch ein wenig Mut und Standvermögen. Die vermisse ich beim Umgang mit einer Bronzefigur, die unsere südkoreanische Partnerstadt Suvon der Stadt Freiburg geschenkt hat und die stellvertretend für das Leid der vielen koreanischen Zwangsprostituierten unter einer grausamen japanischen Besatzung stehen sollte. Das später mit NS-Deutschland verbündete japanische Regime hatte in Korea eine brutale Gewaltherrschaft ausgeübt, die dort wesentlich länger dauerte als die Zeit des Nationalsozialismus bei uns, nämlich von 1905 - 1945. Warum also nicht mit dieser Statue erinnern? Sie wird nicht aufgestellt, weil es Protest aus unserer japanischen Partnerstadt Matsuyama gibt! Wer Japan, dem ich durch eine jahrzehntelange Berufstätigkeit verbunden bin, kennt, weiß, wie schwer sich dieses Land auch nur mit dem kleinsten Ansatz zur "Vergangenheitsbewältigung" tut! Die Aufstellung der Statue wäre ein kleiner hilfreicher Stups in diese Richtung gewesen...

 

Doch wir brauchen nicht nach Korea zu schauen, wenn es um den Umgang mit der Vergangenheit in Form von Denkmalen geht! Dazu hat Ute Scherb ein sehr erhellendes Buch geschrieben: "Wir bekommen die Denkmäler, die wir verdienen/Freiburger Monumente im 19. und 20. Jahrhundert".

Was die Denkmalkultur im Zusammenhang mit der NS-Zeit betrifft schreibt sie, dass die ersten realisierten Denkmale nach der Befreiung vom NS-Terror in Freiburg im Gegensatz zu anderen Städten keinesfalls den Opfern nationalsozialistischen Unrechts gewidmet waren. Die Erinnerung daran nahm hier erst Anfang der sechziger Jahre Formen an. Heute gibt es in Freiburg solche Denkmäler, mehr oder weniger bekannt und verborgen, zwar für Euthanasieopfer, Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, verfolgte Universitätsangehörige und nach Gurs verschleppte Jüdinnen und Juden. Es hat allerdings sechs Jahrzehnte gedauert, bis eine Denkmalkultur in Freiburg entstand, die sich mit der NS-Vergangenheit beschäftigt. Und auch Ute Scherb weist auf die Gefahr hin, der sich die geplante Ausstellung ausgesetzt sieht, nämlich, dass Denkmäler (Zitat) "die Abgeschlossenheit jener Vergangenheit versinnbildlichen" und "Bisweilen werden sie als ein (Absolution erheischendes) Schuldbekenntnis verstanden, mit dessen Hilfe die Vergangenheit ad acta gelegt werden kann". Wie schwer sich unsere Stadt tut, mit Orten umzugehen, die an die NS-Vergangenheit erinnern, hat sich im übrigen ja gerade erst am Beispiel der Auseinandersetzung um die Fundamente der alten Synagoge gezeigt.

 

Lassen Sie mich zum Schluß noch ein Opfer aus Freiburg erwähnen, das grausamer NS-Verfolgung ausgesetzt war und dem ungewollt eine zentrale Rolle bei der "Gleichschaltung" in dieser Stadt zukam: Christian Daniel Nussbaum. Er war sozialdemokratischer Landtagsabgeordneter und stand schon vor und in besonderer Weise gleich nach der Machtübergabe im Fadenkreuz der Nazis. Sie diffamierten und bedrohten ihn auf schlimme Weise, so dass es schließlich zu einer Notwehrtat kommen musste. Zwei Polizisten, die als solche nicht zu erkennen waren, brachen am 17. März 1933 nachts in seine Wohnung ein. Er wehrte sich mit einer Pistole und erschoss die beiden, Anlass für eine große Verhaftungswelle und wüsteste Hetze gegen ihn und den damaligen Noch-Oberbürgermeister Bender. Der hatte den Vorfall als "schweres Unglück" bezeichnet, was ihn das Amt kostete.

 

Christian Daniel Nussbaum bekam keinen fairen Prozess. Er wurde stattdessen in die Psychiatrische Anstalt Wiesloch gebracht. Als geistig völlig normaler und integrer Mann geschildert, kämpfte er mit flehentlichen Appellen an seine Familie und seinen Rechtsanwalt verzweifelt für seine Freilassung. Vergebens, denn willkürliche und falsche Gutachten unterstellten ihm, geisteskrank zu sein.

 

Mehr als sechs Jahre nach der Einlieferung von Christian Daniel Nussbaum in die Wieslocher Anstalt schrieb Freiburgs NS-Oberbürgermeister Kerber am 12. Juni 1939 an den Gauleiter Robert Wagner: "In der Annahme, dass der Vorgang Ihr besonderes Interesse findet und Sie sich vielleicht selbst die geeigneten Maßnahmen vorbehalten...", eine Krankenschwester habe sich für die Entlassung von Christian Daniel Nussbaum eingesetzt, der von Wiesloch aus tätig sei, "um die Aufmerksamkeit gewisser Kreise auf sein Schicksal zu lenken." Zwei Wochen später war Christian Daniel Nussbaum tot.

 

Ich erzähle diese Geschichte, weil es aktuell Betrebungen gab und gibt, den für ihn in Karlsruhe vor dem ehemaligen Badischen Landtagsgebäude, dem Ständehaus, verlegten Stolperstein entweder zu entfernen (so die Forderung des Karlsruher Leitenden Stadtarchivdirektors Dr. Bräunche mit der Begründung, Christian Daniel Nussbaum sei gar kein Opfer des Nationalsozialismus gewesen) oder zumindest das Wort "ermordet" durch "tot" zu ersetzen (so der Heidelberger Historiker Prof. Engehausen mit der Begründung, die Krankenakten seien ordnungsgemäß geführt worden). Was mich dabei beunruhigt ist, dass solche Forderungen heute aus einer Denkrichtung heraus möglich sind, die ich mir bis vor kurzem von dieser Seite aus so nicht vorstellen konnte, und die das Opfer erneut demütigt.

 

Wenn es die kommende NS-Ausstellung in Freiburg dagegen schafft, den Opfern ihre Würde zu erhalten oder zurückzugeben, ist alles gewonnen.

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