Vortrag von Andreas Meckel: Auschwitz. Erinnerung angesichts des wachsenden Antisemitismus

Text und Fotos: Roswitha Strüber

 

 

Am 27 Januar 2016 jährte sich der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee zum 71. Mal.  Auf Anregung des Bundespräsidenten Roman Herzog wurde 1996 dieser Tag in der Bundesrepublik Deutschland offizieller Gedenktag für alle Opfer des Nationalsozialismus. Und wenige Jahre später, im Jahre 2005,  erklärten die Vereinten Nationen den 27. Januar zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Der Name „Auschwitz“ steht damit auch stellvertretend für Begriffe wie Rassenwahn, Judenvernichtung oder Nationalsozialistischer Massenmord. Er ist ein Tag der Erinnerung, zugleich aber auch ein Tag des Nachdenkens über die Vergangenheit, um gleichen verbrecherischen Entwicklungen rechtzeitig begegnen und widerstehen zu können.

 

Als Beitrag zu dieser unabdingbaren Erinnerungskultur hatte die Israelitische Gemeinde Freiburg wenige Tage nach dem Auschwitz-Gedenktag am 18. Februar 2016 zu einem Vortrag von Andreas Meckel in das Gemeindezentrum in der Nussmannstrasse eingeladen. Meckel, der sich bereits durch verschiedene Publikationen als exzellenter Fachmann für diese Thematik ausgewiesen hat, sprach zu dem Thema „Auschwitz – Erinnerung angesichts des wachsenden Antisemitismus“ und konfrontierte die zahlreich erschienenen Zuhörerinnen und Zuhörer mit seiner Überzeugung, dass das Schweigen über die unfassbar grausamen und verbrecherischen Geschehnisse - das Schweigen jedes einzelnen Täters und Mitwissers - zu einer Gesamtschuld des ganzen Volkes geworden ist. Deshalb ist das Erinnern an „Auschwitz“ grundlegend wichtig, wie Meckel betonte. Doch damit eine humane Gestaltung der Zukunft gelingen kann, bedarf es darüber hinaus als weitere Voraussetzung die Fähigkeit zur Empathie, zur Entwicklung von Mitgefühl für uns selbst wie für den anderen. „Denn Empathie ist die Schranke zur Unmenschlichkeit und der Kern unseres Menschseins,“ wie Meckel abschließend den Schriftsteller und Psychologen Arno Gruen zitierte.

 

Nach dem Vortrag, den die Vorstandsvorsitzende Irina Katz ins Russische übersetzte, entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, die von dem engagierten Interesse des Publikums zeugte.

Vortrag Andreas Meckel

18. Februar 2016

Marceline Rozenberg hat Auschwitz überlebt. Ihr Vater ist dort ermordet worden. Sie ist 17 Jahre alt, als sie im Herbst 1945 in einen kleinen Ort in Südfrankreich zu ihren Familienangehörigen zurückkehrt. Ihr Onkel Charles, ebenfalls Auschwitz-Überlebender, holt sie ab. Noch auf dem Bahnsteig sagt er zu ihr: „Erzähle ihnen nichts, sie verstehen es nicht!“ Nämlich, dass von den Überlebenden „der Mitmensch als Gegenmensch erfahren wurde“ und sie nicht mehr heimisch werden“ können „in der Welt“, wie es der Schriftsteller Jean Améry ausdrückte.

 

Viele der aus der Mitmenschlichkeit Ausgestoßenen haben als Ausweg später den Freitod gewählt. Die Schriftsteller Primo Levy und Jean Améry gehören dazu. Und auch Marceline Rozenberg ist nur in allerletzter Minute von einem Versuch, sich umzubringen, gerettet worden.

 

Für uns, die wir versuchen das Geschehen zu begreifen, ist das eine nicht zu überwindende Hürde. Wir müssen einsehen, dass unsere Annäherung an Auschwitz ein oft hilfloser Versuch bleiben muß. Oder, wie es ein anderer Überlebender ausdrückte: „Von Auschwitz zu erzählen ist unmöglich.Wir können den Tod eines Kindes nicht fassen. Wie also sollen wir den Mord an Millionen begreifen?“

 

Alle, die nicht dabei gewesen sind können daher nur über und nicht von Auschwitz sprechen. Das darf aber nicht heißen, dass wir uns bei der Schilderung des Geschehenen auf Zahlen, Daten und Fakten zurückziehen. Sie zu kennen ist zwar nicht unwichtig. Viel wichtiger aber ist, Auschwitz über unser Gefühl näher zu kommen! Doch hier taucht die nächste Schwierigkeit auf. Wer uns dabei helfen könnte, sind ja nur die Opfer selbst – und natürlich die Täter, die sich zu ihren Taten bekennen müssten. Doch fast alle schweigen!

Wir wissen heute, dass Scham stärker ist als Schuldbewusstsein. Die Scham hat das Schweigen bei den überlebenden Opfern des Holocaust  ausgelöst. Es ist die Scham, überlebt zu haben, die Scham der erlittenen grenzenlosen Erniedrigung. Sie lässt viele, die doch wichtige Zeugen für uns wären, schweigen. Dazu kommt, dass die eigenen Kinder und Familienangehörigen der Opfer nicht belastet werden sollten.

 

Manche der Täter schwiegen ebenfalls aus Scham. Die meisten haben ihren Beitrag zu den Verbrechen jedoch einfach verdrängt. Über den eigenen Anteil an den zwölf Jahren eines grausamen und sadistischen Systems wurde nicht gesprochen und reflektiert. So können Enkel behaupten: „Opa war kein Nazi“. Dies ist der Titel eines bekannten Buchs zu der Thematik.

 

Auch in Freiburg wohnten die Täter nebenan – im wahrsten Sinne des Wortes. Der Sozialwissenschaftler Heiko Wegmann arbeitet an einem Buch über die Freiburger SS. Er hat eine Reihe von Freiburger Tätern ausfindig gemacht, die in Auschwitz waren: Der Uhrmachermeister Theo Gehri hat die geraubten Wertsachen und Häftlingsgelder verwaltet; der Kaufmann Adolf Hege gehörte zum Kommandanturstab des Lagers Auschwitz; der Zahnarzt Lüder Precht war in den Mordprozess in Auschwitz eingebunden. Und auch der berüchtigte KZ-Arzt Josef Mengele hatte enge Bindungen zu Freiburg. Während seines Einsatzes in Auschwitz lebte seine Familie in Freiburg.

 

Es wäre erleichternd für mich gewesen, wenn die eigenen Eltern nicht dazu gehört hätten.  Doch wenn wir über Auschwitz sprechen, muss sich meine Generation die Frage stellen: „wieweit waren unsere Eltern in das NS-System verstrickt?“ Wer in den 12 Jahren der Gewaltherrschaft als Erwachsener angepasst in Deutschland lebte, nicht verfolgt und ausgegrenzt war und nicht Widerstand leistete, hat Schuld auf sich geladen. Jean Améry hat den Begriff „Kollektivschuld“ als „Summe individuellen Schuldverhaltens“ bezeichnet. Nach ihm „wird aus der Schuld jeweils einzelner Deutscher – d. h. Tatschuld, Unterlassungsschuld, Redeschuld, Schweigeschuld – die Gesamtschuld eines Volkes.“

 

So kann ich feststellen, welche Schuld auch meine Eltern in der Zeit des NS-Terrors auf sich geladen haben. Ich möchte dieses Vorgehen aber nicht im Sinne einer Abrechnung verstanden wissen. Es geht im Zusammenhang mit dem Thema Auschwitz vielmehr um die Frage: Wie groß war ihr Beitrag, den sie leisteten, damit dieses furchtbare Verbrechen stattfinden konnte?

 

Es gibt eine beispielhafte Geschichte, die ich von meinem Vater am Esstisch hörte. Er habe, wie er sagte, bei einer Fahrt durch das besetzte Polen einer bettelnden Polin aus dem Zug heraus ein Stück Brot zugeworfen. Anschließend bemerkte er dazu, das sei doch sehr anständig von ihm gewesen. Dieses Wort, oder besser Unwort, anständig hat mich durch meine ganze Kindheit und Jugend begleitet. Meine Vorfahren müssen es schon gebraucht haben, denn auch Cousins und Cousinen kennen es. Mit dem Wort wurde nicht nur mein Verhalten bewertet sondern auch das aller anderen Menschen.  Ein Gebäude konnte anständig gebaut sein oder aussehen, ein Hund anständig sein. Schlimmer war aber, dass mein Vater dieses Wort benutzte, um die Verantwortung und Schuld für seine Kriegstaten zu verdrängen: er sei anständig geblieben! Und damit war er keineswegs allein. Denn die Verwendung dieses Begriffs erleichterte den Deutschen die kollektive Verdrängung nach dem Krieg und verhinderte die notwendige Aufarbeitung: natürlich habe es Exzesse und Gräueltaten  der Nazis gegeben, aber die einzelnen Deutschen seien doch weitgehend anständig geblieben. Im Munde von Heinrich Himmler, dem Reichsführer SS, bekam dieses Wort schließlich eine besonders schauerliche Bedeutung.  In seiner berüchtigten „Posener Rede“ vor hohen SS-Führern erkannte er diesen Massenmördern zu, sie seien „bis auf wenige Ausnahmen anständig“ geblieben. Noch 1947 waren 70 % der Deutschen der Meinung, der Nationalsozialismus sei ein gutes System gewesen, nur die Umsetzung habe nicht funktioniert... So konnten die Deutschen sich selbst bemitleiden und als Opfer sehen.

 

Wie in meiner Familie war beim größten Teil der Deutschen die Erinnerung durch einen eisern aufrecht erhaltenen Verdrängungsprozess blockiert. Auschwitz war eine Art „Betriebsunfall“ gewesen. Niemand wollte etwas damit zu tun gehabt oder zu tun haben.

 

Damit verschwand Auschwitz aus der Erinnerung. Noch 1969 konnte Franz Josef Strauß, den viele in Deutschland - und besonders in Bayern - immer noch für einen großen Staatsmann halten, fast unwidersprochen öffentlich behaupten: „Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen erzielt hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen.“ Meine Frau Marlis und ich kamen genau zu diesem Zeitpunkt aus Auschwitz zurück. Wir waren dort mit einer Gruppe der „Aktion Sühnezeichen“ gewesen. Entsetzt und wütend  schrieben wir einen Protestbrief. Er blieb unbeantwortet und unbeachtet.

 

Es war unsere erste Begegnung mit Auschwitz. Unsere Gruppe war in Auschwitz - Birkenau mit der Freilegung und Sanierung der verfallenden Grundmauern des Krematoriums III beschäftigt. Durch diese Arbeit begriffen wir erst langsam, was  in diesem von der SS gesprengten Bau mit seiner Gaskammer wirklich geschehen war. Die Reaktion war Entsetzen und Hilflosigkeit. Doch unser Betreuer, der stellvertretende Leiter des Museums, Tadeusz Szymanski konnte uns in diesem Zustand auffangen. Er wurde uns beiden zu einem echten und wichtigen Freund.

 

Aus seiner Wohnung blickte man auf das Krematorium I und den Galgen davor. Dort war der Lager-Kommandant Rudolf Höß im April 1947 gehängt worden.  Auf der anderen Seite sah man auf das Lager selbst und einen Stacheldrahtzaun, der den Verwaltungsbereich von den Häftlingsblocks trennte.

Erst nach Jahren unserer Freundschaft mit diesem großartigen Menschen und Freund verstanden wir, was das Lager wirklich angerichtet hatte. Trotz aller Reisen, die ihn immer wieder nach Deutschland – und einmal sogar mit unserer Unterstützung nach Japan führten, trotz der vielfältigen Ehrungen, die er für seine „Versöhnungsarbeit“ erfuhr, trotz unendlich vieler Kontakte zu Menschen, denen er, wie uns, zur Annäherung an Auschwitz verhalf, hatte ihn das Lager nicht losgelassen, war er Zeit seines Lebens dem furchtbaren Schrecken dort verhaftet geblieben. Eine Erkenntnis, die er zwar von sich gewiesen hätte, mit der aber wir immer wieder konfrontiert wurden.

 

Wir erinnern uns gerne an Tadeusz Szymanski und die mit ihm verbrachte Zeit. Doch bis heute bleibt uns eine Eigenschaft an ihm unbegreiflich: sein hin und wieder in Bemerkungen und Erzählungen aufgetauchter Antisemitismus. Deshalb fragten wir ihn nach seinem Verhältnis zu den jüdischen Häftlingen im Lager. Und er sagte, fast alle, die er kannte, seien – sein Ausdruck – „feine Menschen“ gewesen. Er hielt auch bis zu seinem Tod Kontakt zu vielen von ihnen, besuchte sie auch und fuhr dafür bis nach Holland. Trotzdem wurde immer wieder sein Antisemitismus erkennbar. Dies brachte uns dazu, uns intensiver mit diesem Phänomen zu beschäftigen, das so viel Leid, Schrecken und Tod über die Menschen gebracht hat.

 

Ich glaube, dass der Antisemitismus in Russland, Polen und den baltischen Staaten von anderer Natur ist, als hier in Deutschland. Doch bitte korrigieren Sie mich! Er scheint mir in diesen Ländern, die einen wesentlich höheren jüdischen Bevölkerungsanteil hatten, tiefer verwurzelt zu sein. Dies beruht auf einer immer noch vorhandenen latenten Abneigung gegen die jüdischen Nachbarn und führte zu immer wieder stattfindenden Pogromen und Ausschreitungen.

 

In Deutschland war der Antisemitismus bis 1933 weniger greifbar, versteckter, aber trotzdem wirksam. Wie Sie wissen fand in Freiburg ein großes Pogrom  im Jahre 1349, also vor 660 Jahren, statt. Ihm fielen etwa 100 jüdische Menschen zum Opfer, die einen furchtbaren Tod auf dem Scheiterhaufen fanden. Die Juden wurden damals beschuldigt, die Pest ins Land geholt zu haben. Der Neid und die Habgier der bei ihnen häufig verschuldeten christlichen Nachbarn dürften aber die wahren Gründe gewesen sein.

 

Die Gründe für den mittelalterlichen und spätmittelalterlichen Antisemitismus sind oft genug beschrieben worden: Die Kirche verurteilte die Juden als „Christusmörder“. Für die Christen waren sie „Wucherer und Blutsauger“. Die Menschen empfanden die jüdischen religiösen Riten und Formen des Zusammenlebens als fremd und andersartig, was oft schon für eine Abneigung gegen sie sorgte.

 

2017 wird das sogenannte „Lutherjahr“ gefeiert. Damit wird an 500 Jahre Reformation erinnert, die Martin Luther damals einleitete. Es darf nicht verschwiegen werden, dass Luther ein wüster Antisemit bzw. Antijudaist war. Seine entsprechenden Äußerungen und Schriften erschrecken uns heute zutiefst.

Doch auch die katholische Kirche machte sich des Antisemitismus schuldig. So steht unweit von hier in der Herrenstraße in Nachbarschaft zum erzbischöflichen Ordinariat ein Denkmal für den katholischen Theologen und Lehrer Alban Stolz. Wie seine Schriften zeigen war er ein übler Antisemit. Trotzdem trägt ein Studentenwohnheim in Littenweiler seinen Namen.

 

Die „Hirtenbriefe“ des damaligen Freiburger Erzbischofs Conrad Gröber sind in diesem Zusammenhang ebenfalls zu erwähnen. Der „braune Conrad“, wie er im Volksmund genannt wurde, hatte bereits vor der Machtübergabe 1933 eifrig Wahlpropaganda für Hitler betrieben. Die unsägliche Rassentheorie, die bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auftauchte, tat dann ein übriges.

 

Ich glaube, dass die allermeisten Menschen in Deutschland vor der Bearbeitung durch die zunächst rechte und dann massiv einsetzende Nazi-Propaganda keine Antisemiten waren. Sie lehnten zu diesem Zeitpunkt auch die später ebenfalls verfolgten Roma und Sinti, Menschen mit Behinderungen und die Zeugen Jehovas nicht grundsätzlich ab. Bis in die Dreissiger Jahre hinein war ein relativ normales Verhältnis mit den jüdischen Nachbarn möglich. Die NS-Führung wußte das und gebrauchte den verächtlichen Begriff  vom „einzelnen guten, anständigen Juden“, wie ihn angeblich viele kannten... Doch sie machte klar, dass auch er schließlich zu den Juden gehöre, die „unser Unglück“ seien.

 

Heute sind die Menschen im allgemeinen einigermaßen darüber informiert, was im Holocaust, was in Auschwitz passiert ist. Die aufsehenerregenden Auschwitzprozesse in den sechziger Jahren machten zum ersten Mal deutlich, was dort wirklich passiert war und welches ungeheure Ausmaß die dort verübten Verbrechen hatten. Der selbst verfolgte hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer hatte den Prozess in Frankfurt initiiert. Über ihn sind mehrere Spielfilme gedreht worden. Außerdem haben Filme wie „Schindlers Liste“ oder „Der Pianist“, die Filmreihe „Shoah“ von Claude Lanzmann, eine Fülle von Fernsehserien bzw.-filmen sowie Theaterstücken und eine Flut von Büchern zum Thema Holocaust Auschwitz in das Bewusstsein der Bevölkerung in Deutschland und in der Welt gebracht. Auch die „Erinnerungskultur“, die sich in Ausstellungen, Gedenktagen, -projekten und –veranstaltungen niederschlägt, hat dazu beigetragen können, Auschwitz und den Holocaust im Bewusstsein der Menschen wachzuhalten.

 

Wenn heute trotzdem wieder ein virulenter Antisemitismus in Deutschland festzustellen ist, hat das mehrere Ursachen.  Zum einen hat die seit der Wiedervereinigung sprunghaft gewachsene ultrarechte Neo-Nazi- Bewegung das die Juden diffamierende Weltbild fast unverändert aus der NS-Zeit übernommen und verharrt in einem dumpfen Schlagwort-Antisemitismus.

Auf rund 40 % wird der Anteil der deutschen Bevölkerung geschätzt, der in der einen oder anderen Form antisemitisch eingestellt ist. Das hat vor drei Wochen auch den israelischen Botschafter auf den Plan gerufen. Er warnte davor, dass der Antisemitismus in Deutschland – auch ohne entsprechend eingestellte Flüchtlinge – ein großes Problem sei!

 

Doch ist der heutige Antisemitismus in Deutschland eher ein AntiIsraelismus! Dies geht auf die sogenannte „68er-Generation“ zurück, d. h. auf die Zeit in der zweiten Hälfte der 1960 er Jahre. Damals revoltierten deutschland- und europaweit junge Menschen gegen das sogenannte „Establishment“. Dabei solidarisierten sie sich völlig einseitig mit Palästina. Über diesen Umweg lebten sie stellvertretend für ihre Eltern deren Antisemitismus aus. Auch heute noch trägt das Unwissen über den geschichtlichen Hintergrund der Entstehung und Entwicklung Israels zu diesem Antisemitismus bei. Die Politik Israels steht dabei im Fokus seiner Gegner und imVordergrund die angeblich völkerrechtswidrige Besiedlung des Westjordanlands. Wer sich auf die im antisemitischen Geist erlassenen UNO-Resolutionen beruft, sollte zuerst überlegen, wer denn die Kriege gegen Israel begonnen hat! Warum sollten dann die Deutschen nicht auch die durch den zweiten Weltkrieg verlorenen Gebiete, wie z. B. Ostpreußen, zurückfordern können?

 

Niemand vermag zu sagen, in welches Gewand sich der Antisemitismus von morgen hüllen wird und in welchem Umfang die gegenwärtigen Fluchtbewegungen dazu beitragen werden. Leider sind die menschliche Dummheit und Niedertracht allgegenwärtig. Ich wünsche mir, dass Israel seine Position noch deutlicher und „wehrhafter“ darstellt. Dazu gehört auch, dass es Verfälschungen seiner Geschichte noch entschiedener entgegentritt. Nur so kann dem Antisemitismus von morgen Widerstand entgegengesetzt werden.

 

Israel hat für sich und alle Juden immer wieder das Versprechen erneuert, dass es ein zweites Auschwitz nicht geben wird. Doch Primo Levi hat in seinem Bericht über Auschwitz „Ist das ein Mensch?“ illusionslos geschrieben: „Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen.“ Bei der Betrachtung der aktuellen politischen Situation in Deutschland fällt mir dieses Zitat wieder ein. Dieses Mal ist es die Flüchtlingssituation, welche in einem beängstigenden Ausmaß zu einem ungewöhnlich raschen Erstarken der rechtspopulistischen „Alternative für Deutschland“ (AfD) geführt hat. Manches, was dort verlautbart wird, erinnert an die Hetztiraden, wie sie in den Zeitungen der Nazis, d. h. „Der Stürmer“, oder hier in Südbaden „Der Alemanne“, erschienen.

 

Hitlers „Nationalsozialistische Partei Deutschlands“ (NSDAP), begünstigt durch die Auswirkungen der damaligen Weltwirtschaftskrise, brauchte fünf Jahre, um von einem Stimmenanteil von 2,6% bei den Reichstagswahlen 1928 über 18,3% im Jahre 1930 auf schließlich 43,9 % bei der Wahl 1933 zu kommen.  Die „Alternative für Deutschland“ (AfD) war vor einem halben Jahr noch eine unbedeutende kleine Splitterpartei. Es ist für mich beunruhigend, wenn ihr bei der Baden-Württembergischen Landtagswahl im nächsten Monat ein Stimmenanteil von über 10 % vorausgesagt wird. Denn dies bedeutet den auf Anhieb sicheren Einzug in den Stuttgarter Landtag – und das bei einer guten wirtschaftlichen Situation in Deutschland und ganz besonders hier in Baden – Württemberg.

 

Das „Böse“ im Menschen zeigt sich also immer wieder von neuem. Doch es ist ein Fehler, wenn wir es mystifizieren und damit als unabwendbar hinnehmen. Viele Menschen, auch Überlebende selbst, sagen angesichts des unendlichen Leids und unsagbaren Grauens von Auschwitz: „Ich verstehe nicht, wie das passieren konnte, es bleibt für mich unfassbar und ist nicht zu erklären!“ So verständlich dieser Standpunkt ist, so ist er in meinen Augen doch falsch - und auch gefährlich. Denn wenn diese Auffassung tatsächlich vorherrschen würde, wäre die gesamte „Erinnerungsarbeit“ vollkommen nutzlos, das Gedenken an die Opfer eine wirkungslose Formsache. Wenn wir die Ursachen für den Holocaust in des Bereich des nicht Verstehbaren, des Mystischen entrücken, könnte sich Auschwitz tatsächlich wiederholen. Denn dann wären wir machtlos und hätten keinen Einfluss auf das Geschehen. Dies ist ein unerträglicher Gedanke für mich.

 

Die Erinnerung an das in Auschwitz Geschehene ist wichtig. Viele Namen fallen mir ein, die ich aus meiner eigenen „Erinnerungsarbeit“ oder von den Stolpersteinen in Freiburg her kenne. Denn rund ein Drittel der im Oktober 1940 aus unserer Stadt nach Gurs Deportierten, etwa 120 Menschen, ist in Auschwitz ermordet worden. Es gibt aber darüber hinaus zwei Menschen, zwei Opfer in Auschwitz, zu denen ich eine besonders enge gedankliche Beziehung habe. Es ist dies zum einen Susanne Hochherr, deren Familie aus Breisach stammt. Sie wurde am 1. September 1939 nach der Flucht der Eltern in Holland geboren - und zusammen mit ihren Eltern 1943 in Auschwitz ermordet. Und zum anderen Elvira Niegho. Ihren Namen las ich auf einem Stolperstein in der Berliner Neuen Schönhauser Straße, ganz in der Nähe der „Hackeschen Höfe“. Sie ist, wie Susanne Hochherr und ich, im Jahre 1939 geboren worden. 1943 wurde sie mit ihrer Schwester und mit ihren Eltern in Auschwitz ermordet.

 

Ich male mir oft aus, was aus den damals mit mir gleichaltrigen Mädchen geworden wäre und bin traurig. Sicherlich hätten sie eine sorgfältige, fördernde Erziehung erhalten und wohl auch eine glückliche Kindheit gehabt. Denn davon erzählen fast ausnahmslos alle jüdischen Überlebenden – und fügen hinzu „bis Hitler kam“. Vielleicht wäre ich Elvira Niegho und Susanne Hochherr auch irgendwann einmal begegnet. Denn auch ich bin in Berlin geboren und der Weg nach Breisach ist nicht weit.

 

Doch reicht Erinnerung allein aus, um ein neues Auschwitz für immer zu verhindern? Ich glaube, dass wir uns viel mehr mit der Frage beschäftigen müssen, wie Menschen zu kalten, gefühllosen brutalen und sadistischen Mördern werden können. Den Schlüssel für die Antworten habe ich bei der Psychoanalytikerin Alice Miller und dem Psychoanalytiker Arno Gruen gefunden. Beide sind in jüdischen Familien aufgewachsen und haben sich intensiv mit dem Bösen im Menschen und dem Holocaust beschäftigt.

 

In seinem Buch „Der Fremde in uns“ zeigt uns Arno Gruen, wie weit die Unterdrückung von Gefühlen des Kindes in der Erziehung zum Verlust von Selbstwertgefühl führen kann. Die Wut darüber richtet sich aber nicht gegen die verursachenden Eltern. Sie wird vielmehr abgespaltet und auf andere Menschen projiziert. „Der Verlust des Mitgefühls“ (ein anderer Buchtitel von Arno Gruen) ist die Folge. Auch Alice Miller sieht in ihrem Buch „Am Anfang war Erziehung“ diese Ursachen. Bei den von ihr untersuchten  Nazitätern stieß sie immer wieder auf eine gewaltsame Erziehung zu Gehorsam und Anpassung,  die zu Aggression und Hass führt und damit zum „Drama des begabten Kindes“ (ein anderer Buchtitel von ihr). Diese Erziehung, die heute „schwarze Pädagogik“ genannt wird, war tatsächlich gerade in Deutschland weit verbreitet und ist auch heute keineswegs verschwunden. Mit anderen Worten: Wer lieblos oder mit verbaler oder körperlicher Gewalt „erzogen“ wurde, wird später selbst diesem Muster folgen!

     

Sieht man sich die Biografien der Nazi-Schinder und Mörder in Auschwitz an, soweit sie zugänglich sind, so finden wir bei allen die Kennzeichen einer solchen lieblosen und ablehnenden Erziehung. Deshalb richteten sich ihr Hass und ihr Sadismus besonders gegen Menschen, welche Empathie, Autonomie und eine eigene Identität entwickeln konnten. Es ist die Tragik von Auschwitz und dem Holocaust, dass sich vor diesem Hintergrund das Böse durchsetzen konnte. Und zwar im Rahmen eines dies zulassenden und fördernden verbrecherischen Systems, das erst durch das Eingreifen von außen besiegt werden konnte.

 

Deshalb sind wir alle aufgerufen,  durch den Blick in die Kindheit unsere Prägungen zu erkennen. Dies ist die Voraussetzung dafür, Empathie, d. h. Mitgefühl, für uns und die anderen entwickeln zu können. Denn Empathie – so hat es Arno Gruen ausgedrückt - „ist die Schranke zur Unmenschlichkeit und der Kern unseres Menschseins.“

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