Ein Tag des Erinnerns - 22. Oktober 2017

Text und Fotos: Roswitha Strüber

Der 22. Oktober stand für die jüdische Gemeinde Freiburg und für viele andere Bürgerinnen und Bürger der Stadt ganz im Zeichen des Erinnerns. Vor genau 77 Jahren wurden rund 450 jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger auf Anordnung der nationalsozialistischen Machthaber auf dem Stühlinger Kirchplatz zusammengetrieben und mit Eisenbahnwaggons vom nahegelegenen Bahnhof ins südfranzösische Internierungslager Camp Gurs transportiert. Für die allermeisten von ihnen war es der Beginn einer unmenschlichen Leidensgeschichte, die in den Tod führte. Aus diesem Anlass hatte die Stadt Freiburg am Sonntagnachmittag zu einer Gedenkstunde am Mahnmal für die deportierten jüdischen Menschen neben der Herz-Jesu-Kirche aufgerufen. Bürgermeister Ulrich von Kirchbach war als offizieller Vertreter der Stadt gekommen und warnte eingangs davor, die damaligen Geschehnisse ausschließlich in einer Rückschau zu betrachten. Notwendig sei es, mit dem Wissen um die Vergangenheit den Blick nach vorne zu richten, um dem heute wieder wachsenden Antisemitismus und Rassismus entschieden eine wirksame Absage zu erteilen. Jeder einzelne ist aufgefordert, eine verantwortungsbewusste eigene Stellung zu beziehen.

Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Irina Katz wies in ihren Worten auf die immer weniger werdende Zahl von Zeitzeugen hin. Wörtlich sagte sie: „Angesichts der Tatsache, dass von Jahr zu Jahr immer weniger Menschen über die Grausamkeiten, die die Nationalsozialisten millionenfach verübt haben, authentisch Zeugnis ablegen können, gewinnen die Orte, an denen Unrecht geschah, zunehmend an Bedeutung. Sie stehen gewissermaßen als stumme Zeugen für das Leid der Verfolgten, Gefolterten und Ermordeten. Diese Orte in einer angemessenen und würdigen Weise aus dem Alltag herauszuheben und als zur Reflexion herausfordernde Stellen kenntlich zu machen, ist meiner Meinung nach Aufgabe und Pflicht einer Gesellschaft, die sich inmitten eines Prozesses befindet, der sich um eine Aufarbeitung der Verbrechen der Vergangenheit bemüht.“ In diesem Zusammenhang bedankte sich Irina Katz bei dem Evangelischen Jugendwerk sehr herzlich, das im Rahmen einer Projektarbeit im Jahr 2006 den Gedenkstein aufgestellt hatte.

Rabbinerin Diane Tiferet Lakein von der Egalitären Jüdischen Gemeinde Chawurah Gescher verwies auf die nicht selten festzustellende Hilflosigkeit von Eltern und Großeltern, wenn sie von den Kindern nach den an den Juden verübten Verbrechen gefragt werden. Offenheit und Ehrlichkeit seien hier notwendig, so die Rabbinerin. Bevor Moshe Hayoun, Kantor der Jüdischen Gemeinde, das „el male rachamim – Gott voller Erbarmen“ für die Opfer der Deportation betete, las die Schülerin Deborah Krzyzowski aus einem Brief, der große Betroffenheit bei den Anwesenden auslöste. Er war von der Mutter des heute über 80 jährigen Ernst Rapp aus dem Camp Gurs an ihren Mann geschrieben. Darin beschreibt sie die unmenschlichen Zustände in dem Internierungslager voller Hoffnungslosigkeit. Ein erschütterndes Dokument nationalsozialistischer Willkür und Menschenverachtung.

In einem langen Schweigemarsch gingen die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung anschließend über den Stühlinger Kirchplatz zum Mahnmal „Vergessener Mantel“ auf der Wiwili-Brücke und verharrten dort im stillen Gedenken an die deportierten Mitbürgerinnen und Mitbürger. Blumengebinde in den Farben der Stadt Freiburg und dem Blau-Weiß der Israelitischen Gemeinde waren zuvor an der Gedenkstätte niedergelegt.

Zahlreiche Gemeindemitglieder hatten sich bereits vor Beginn der Gedenkstunde am Brunnenmonument auf dem Platz der Alten Synagoge eingefunden und sich in die Menschenkette um den Wasserspiegel eingereiht. 349 rote und gelbe Rosen, an jede einzelne der Namen eines Deportationsopfers geheftet, waren von einem Initiativkreis Freiburger Bürgerinnen und Bürger auf dem Brunnenrand ausgelegt und lösten bei allen Passanten große Nachdenklichkeit und Betroffenheit aus.

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