Europäischer Tag der jüdischen Kultur 2018

Text und Fotos: Roswitha Strüber

Unter dem Motto „Geschichten erzählen“ lud die Israelitische Gemeinde Freiburg am Sonntag, den 2. September die Bürgerinnen und Bürger ein, gemeinsam einen Blick auf jüdische Tradition und Kultur zu werfen und sie miteinander zu erleben. Mit einem breitgefächerten Programm warb die Gemeinde für den Aktionstag, der als „Europäischer Tag der jüdischen Kultur“ seit 1999 jährlich in der ersten Septemberwoche unter Beteiligung zahlreicher Einrichtungen und Organisationen in verschiedenen Ländern veranstaltet wird.

 

Für die vielen Besucher fast unbekannte oder auch vergessene Geschichten konnte Felix Rottberger erzählen, der vormittags zu einem Gang über den jüdischen Friedhof an der Elsässerstraße eingeladen hatte. Als Zeitzeuge, der nun schon seit fast 50 Jahren den Friedhof betreut, kannte Felix Rottberger etliche der dort Bestatteten noch persönlich und wusste manches Detail aus ihrem Leben zu berichten. Um die 900 Gräber beherbergt dieser sogenannte alte jüdische Friedhof, der seit einiger Zeit für weitere Bestattungen jedoch geschlossen ist und von einem neuen Gräberfeld auf dem Areal des Friedhofs Freiburg-St. Georgen abgelöst wurde. Im kommenden Jahr 2019 blickt der  Friedhof an der Elsässerstraße auf eine 150-jährige Tradition zurück, in der sich auch ein Teil der Freiburger Stadtgeschichte wiederspiegelt.

Im Gemeindezentrum an der Nussmannstrasse nahm Johannes Rainer seine Zuhörerinnen und Zuhörer in einem Dia-Vortrag mit auf einen Gang durch die Geschichte und Gegenwart Israels. Zuvor hatte die Vorstandsvorsitzende Irina Katz die Anwesenden begrüßt und kurz auf die weiteren Veranstaltungen des Tages hingewiesen. Als ehemaliger Vorsitzender und heutiger Ehrenvorsitzender des Freundeskreises Freiburg – Tel Aviv-Yafo ist Johannes Rainer ein exzellenter Israel-Kenner, der auf seinen zahlreichen Reisen dorthin, auch in seiner Funktion als Organisator von Städtepartnerschaftsreisen, einen fundierten Überblick über die Verhältnisse im Nahen Osten gewonnen hat und diese seinen Zuhörerinnen und Zuhörern lebendig vermitteln konnte.

In einem kurzen Grußwort überbrachte Stadtrat Simon Waldenspuhl die guten Wünsche der Stadt Freiburg für einen interessanten Begegnungstag in dem jüdischen Gemeindezentrum und betonte die Notwendigkeit eines offenen und regelmäßigen Gedankenaustausches zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften.

Die seltene Gelegenheit, eine Gebetsstunde nur für Frauen mitzuerleben, bot sich den weiblichen Besuchern am Mittag im Betraum der Synagoge. Dort erklärte die Kantorin Sofia Falkovitch den zahlreich erschienenen Zuhörerinnen die Bedeutung und Tradition verschiedener jüdischer Feste und Feiern und trug mit ihrer faszinierenden Stimme einige zugehörige Gebetstexte aus dem Mahzor vor. Sofia Falkovitch, die in Freiburg bereits durch einige Konzerte bereits gut bekannt ist, schloss als erste Frau in Deutschland die Ausbildung zu einer Synagogalkantorin ab. Sie lebt in Paris und ist in Luxemburg als Kantorin tätig.

Großen Zuspruch erfuhr die Synagogenführung mit Gemeindekantor Moshe Hayoun am Nachmittag. Nach einer kurzen Einführung zu allgemeinen Grundlagen der jüdischen Religion entwickelte sich schnell ein äußerst lebhaftes Gespräch zwischen Publikum und Kantor, angefangen von einfachen Sachfragen bis hin zu theologisch-eschatologischen Diskussionen. Die nicht enden wollenden Fragen der zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörer beantwortete Moshe Hayoun mit viel Charme und Überzeugungskraft. Besonders aufmerksam verfolgten die Anwesenden die Ausführungen zu den Tora-Rollen, von denen der Kantor eine auf dem Lesetisch ausrollte und den Besuchern im Detail erklärte. Vorgesungene Bibel- und Gebetstexte sowie das Blasen auf dem Schofarhorn verwiesen zudem auf besondere Elemente des jüdischen Gottesdienstes.

Mit einem Konzert des „Tamara Lukasheva Quartett“ am Spätnachmittag fand das vielseitige Programm des Kulturtages im großen Gertrud-Luckner-Saal seinen Abschluss. Rund 150 Besucherinnen und Besucher waren gekommen, um eine der innovativsten und talentiertesten Gruppen junger Jazzmusiker zu erleben. Tamara Lukasheva, in der Ukraine in Odessa geboren, studierte an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln und arbeitet seit 2010 mit ihren Bandmitgliedern Sebastian Scobel (Piano), Jakob Kühnemann (Kontrabass) und Dominik Mahnig (Schlagzeug) zusammen. Ihre enorme Vielseitigkeit und Virtuosität macht Tamara Lukasheva zu einer der gefragtesten Sängerinnen der deutschen Jazzszene. Neben ihrem Part als Sängerin hat sie sich auch als Komponistin und Arrangeurin einen Namen gemacht. Ihre Stücke verbinden folkloristische Elemente aus der Ukraine mit der Klangwelt des Modern Jazz und der zeitgenössischen Klassik. Zu ihren spektakulären Besonderheiten zählen u.a die musikalischen „Duelle“, die sie sich mit den jeweils einzelnen Instrumenten liefert. In diesen Parts entwickeln Stimme und Instrument eine unvergessliche Dynamik, der sich niemand entziehen kann. Der begeisterte Applaus des Publikums konnte nicht ausbleiben.

Mit einem kleinen Imbiss und koscherem Wein bedankte sich die Vorstandsvorsitzende Irina Katz für das große Interesse, das die vielen Besucherinnen und Besucher dem jüdischen Kulturtag in Freiburg entgegen gebracht haben.

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