„Jeder Mensch hat einen Namen“ – Jom haShoah 2018

Text und Fotos: Roswitha Strüber

Zahlreiche Menschen versammelten sich am späten Donnerstagnachmittag an der Brunnengedenkstätte auf dem Platz der Alten Synagoge in Freiburg, um gemeinsam mit den Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde den Jom haShoah zu begehen. Der Gedenktag, der in diesem Jahr auf den 12. April fällt, ist seit 1959 offizieller Nationalfeiertag in Israel und dem Erinnern an die Holocaust-Opfer gewidmet. In den Jüdischen Einrichtungen wird dieser Tag weltweit begangen, so auch in Freiburg.

In ihren Begrüßungsworten erinnerte Irina Katz, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, zunächst an die 6 Millionen unter der Nazidiktatur ermordeten Juden. Für sie waren symbolhaft sechs Kerzenlichter auf dem Brunnenrand aufgestellt. Gleichzeitig wollte Irina Katz an diesem Tag jedoch auch in besonderer Weise an die über 400 jüdischen Menschen aus Freiburg erinnern, die der Willkürherrschaft der Nationalsozialisten zum Opfer fielen. Wörtlich sagte sie: „Wir möchten dabei insbesondere an die Freiburger Mitbürgerinnen und Mitbürger erinnern, die in der Schreckenszeit ihr Leben lassen mussten. Freiburger Schülerinnen und Schüler haben rund 400 Steine mit den Namen der Opfer einzeln gekennzeichnet und mit dazu beigetragen, dass jedes einzelne Schicksal unvergessen bleibt. Die Steine haben in unserer Synagoge einen würdigen Platz gefunden, heute aber möchten wir sie auf dem Brunnenrand ablegen, um das geschehene Unrecht so in der Öffentlichkeit sichtbar und erinnerbar zu machen.“    

Mit dieser Form des Gedenkens, die von allen Anwesenden mit sichtlicher Betroffenheit miterlebt wurde, beging die Jüdische Gemeinde einen neuen Weg der Erinnerungskultur. Francois Blum, Vertreter von mehr als 400 Nachkommen der Mitlieder der Israelitischen Gemeinde Freiburg der Vorkriegszeit, und Marlis Meckel, Initiatorin der Freiburger Stolpersteinaktion, verwiesen in ihren Redebeiträgen nochmals auf die unbeschreibliche Brutalität der Nazischergen hin und betonten die Notwendigkeit, dem Gedenken immer wieder Raum zu geben. Nach dem Verklingen des „El male rachamim – Gott voller Erbarmen“ von Kantor Moshe Hayoun und dem Verlesen des hebräischen Gedichtes „Lechol isch jesch schem – Jeder Mensch hat einen Namen“ durch Sylvia Schliebe, Egalitäre Gemeinde Gescher, lasen Schülerinnen und Schüler verschiedener Freiburger Schulen die Namen der 360 nach Gurs deportierten Freiburger Naziopfer vor. Marlis Meckel ergänzte die Liste um die Namen der 1938 nach Dachau und in den Jahren 1942 – 1945 nach Theresienstadt abtransportierten jüdischen Menschen aus Freiburg. Die Anwesenden legten bei Nennung der Namen jeweils die entsprechend beschrifteten Kieselsteine auf den Brunnenrand. Mit Fortlauf der Namensnennungen füllte sich der Rand des Brunnens mit Kieselsteinen in erschreckendem Ausmaß. Der Gedanke und das Wissen darum, dass hinter jedem Stein auf dem Brunnenrand eine konkrete, individuelle Leidensgeschichte und eine grausame Ermordung steht, war für viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer kaum zu ertragen.

Mit dem Kaddisch, gemeinsam gesprochen von Kantor Hayoun, Francois Blum aus Lyon und dessen Bruder aus Belfort, fand die Gedenkveranstaltung ihren Abschluss. Die Vorstandsvorsitzende Irina Katz dankte allen für ihr Kommen und für ihre Anteilnahme.

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