Die Arisierung jüdischen Eigentums

Rundgang zu ehemaligen jüdischen Geschäften in Freiburg

Text und Fotos: Roswitha Strüber

Unmittelbar nach der Machtübernahme 1933 leitete das Nationalsozialistische Regime mit einer Fülle von Maßnahmen einen Prozess der Arisierung ein, der die Verdrängung der jüdischen Bevölkerung  aus der Gesellschaft zum Ziel hatte. Für zahlreiche Berufszweige erhielten Juden ein striktes Erwerbtätigkeitsverbot, jüdische Künstler wurden boykottiert und an der Ausübung ihrer Arbeit gehindert, jüdische Geschäftsleute schikaniert, terrorisiert und zu Zwangsverkäufen genötigt. Während in den ersten Jahren nach 1933 die Übergriffe ohne eine konkrete gesetzliche Grundlage geschahen, erfolgte ab 1938 systematisch die Enteignung jüdischen Eigentums auf rechtlichem Wege. Jüdische Geschäfte und Betriebe gingen zu weit unter Wert festgesetzten Preisen an die neuen Eigentümer.  

 

Heute, rund 80 Jahre später, drohen diese Vorkommnisse in Vergessenheit zu geraten und die Relevanz der verbrecherischen nationalsozialistischen Enteignungspraktiken nicht mehr gesehen zu werden.

 

Am Dienstag, den 22. Oktober 2019, am Vortag der Gedenkfeier für die 1940 nach Gurs deportierten Freiburger Juden, lud die Israelitische Gemeinde interessierte Bürgerinnen und Bürger zu einer Führung durch die Freiburger Innenstadt ein, um auf einige ehemalige jüdische Geschäfte aufmerksam zu machen, die infolge der NS-Schikanen von ihren Besitzern aufgegeben und an nichtjüdische  Personen verkauft werden mussten. Die Führung hatte Bernd Serger übernommen, der als Redakteur jahrelang bei der Badischen Zeitung gearbeitet und zu dem Thema mehrfach publiziert hat.

 

Serger begann seinen Rundgang vor dem in neuerer Zeit erbauten Haus Rathausgasse 31 (früher Eisenbahnstraße), dem Nachfolgebau des abgerissenen ehemaligen Warenhauses des jüdischen Kaufmanns Curt Lindemann. Bevor Lindemann 1914 nach Freiburg kam und in der Eisenbahnstraße sein Warenhaus eröffnete, betrieb er zuvor in Emmendingen ein Geschäft, das aber von seinem Konkurrenten Sally Knopf aus Freiburg übernommen wurde. 1929, nach 15-jähriger Geschäftsführung mit wechselndem Erfolg, musste Curt Lindemann sein Unternehmen in der Eisenbahnstraße aufgeben. Es folgten kurze, geschäftlich erfolglose  Aufenthalte in Rheinfelden und Weil. Curt Lindemann kehrte nach Freiburg zurück und versuchte einen Neustart in der Schiffstraße. Doch auch hier war ihm kein Erfolg beschieden. Die nationalsozialistischen Hetzkampagnen und Schikanen gegen jüdische Kaufleute zwangen ihn zur Aufgabe, die öffentlichen Denunziationen im nationalsozialistischen Kampfblatt „Der Stürmer“ bedeuteten sein unternehmerisches Ende. Verhaftung nach der Pogromnacht 1938 und Lageraufenthalt in Dachau, Rückkehr nach Freiburg aufgrund einer Erkrankung, 1940 erneute Verhaftung und die Deportation nach Gurs waren die weiteren Schicksalsstationen im Leben von Curt Lindemann. Gestorben ist Lindemann 1956 in einem Heidelberger Altersheim. Seine jahrelangen Bemühungen um eine Wiedergutmachung, nachdem er das Lager Gurs überlebt hatte und 1950 nach Deutschland zurückgekehrt war, lehnten die zuständigen deutschen Behörden mit der Begründung ab, seine Firma sei viel zu klein gewesen um einen Wert zu haben.

Weiter führte der Rundgang zum neu errichteten Eckhaus Rotteckring/Gauchstraße (früher Rotteckplatz Nr. 7). Dort unterhielt Julius Marx, dessen Familie aus Sulzburg stammte, von 1900 bis zu seinem Tod 1925 ein reich sortiertes Kaufhaus. Sein Großvater und Vater hatten bereits 1870 das Haus erworben. Eine Fotografie von 1904 zeigt den ehemals prachtvollen Bau, den Julius Marx um 1900 im Stil der französischen Warenhausarchitektur an Stelle des alten Hauses neu errichten ließ. Zur Erweiterung seines Textilgeschäftes erwarb der Unternehmer im Jahr 1921 die sich in der Gauchstraße anschließenden Nachbargebäude und konnte so sein Warenangebot erheblich ausweiten. Von 1925 an übernahm Ernst Rothschild, Schwiegersohn von Julius Marx, das Kaufhaus und leitete es bis zur Arisierung im Jahr 1937. Angesichts der Repressalien gegen jüdische Betriebe war Rothschild gezwungen, sein Unternehmen am 1. März 1937 weit unter Wert zu verkaufen, Käufer war Ernst Striebel sen., dessen Geschäft noch heute existiert. Im gleichen Jahr noch wanderte Ernst Rothschild zusammen mit seiner Frau in die USA aus.

Das ehemalige Kaufhaus Lippmann, zur damaligen Zeit Kaiserstrasse 32, heute KaiserJosef-Strasse 170 unweit des Siegesdenkmals, war die nächste Station der Führung. 1878 hatte der erst 18-jährige Tobias Lippmann dort ein Textilgeschäft eröffnet und es bis zum Abriss des Gebäudes im Jahr 1926 geführt. Der Neubau, der die benachbarten Häuser miteinbezog, konnte 1928 bezogen und eingerichtet werden. Etliche Jahre zuvor, im Jahr 1907, hatte Lippmann sein Geschäft an Josef Schiffmann verkauft, der nach der Neueröffnung 1928 das Geschäft weiterhin unter dem Firmennamen Lippmann führte.  Bis 1935 war das Geschäft, dessen Inhaber mehrfach wechselten, ständig im Besitz jüdischer Geschäftsleute. So waren u.a. auch Julius Marx und Sally Knopf jeweils für kurze Zeit dort ansässig. Letzter Eigentümer war wiederum Josef Schiffmann, der aufgrund nationalsozialistischer Judenhetze die Firma nicht mehr halten konnte und sie an das Hettlage-Unternehmen veräußern musste. Während Tobias Lippmann zu den Freiburger Gurs-Deportierten gehörte und in dem südfranzösischen Lager umkam, gelang es Josef Schiffmann mit seiner Familie über die Schweiz und Frankreich 1942 in die USA zu fliehen. Dort ist er 1949 gestorben. Sämtliche Anträge auf Wiedergutmachung beim zuständigen Landesamt wurden Josef Schiffmann abgelehnt mit der Begründung, die Veräußerung seiner Firma sei nicht verfolgungsbedingt geschehen. Der 1928 fertiggestellte Neubau blieb zwar von Kriegsschäden nicht verschont, die für damalige Verhältnisse moderne Betonbauweise verhinderte aber eine totale Zerstörung. Zur Zeit unterhält die Kosmetikfirmenkette Douglas in dem Gebäude eine Filiale.

Seine Führung beendete Bernd Serger vor dem Gebäude Kaiser-Josef-Strass 192. Dort, an der damaligen Kaiserstraße 60, hatte der aus Straßburg stammende jüdische Kaufmann Sally Knopf 1893 ein Warenhaus gegründet, das in den Folgejahren durch den Ankauf der benachbarten Häuser 58 und 62 sukzessive vergrößert werden konnte. Gleich seinen drei Brüdern in der Schweiz und im Elsaß – ebenfalls Eigentümer von Warenhäusern – gründete Knopf in kurzer Zeit in verschiedenen Städten der näheren und weiteren Umgebung eine Reihe von Filialen, so dass 1914 rund 100 Filialen zur Warenhauskette der Knopf-Familie zählten. Nach dem Tod des Firmengründers 1922 übernahm dessen Sohn Arthur die Geschäfte. Durch Familien- und Erbstreitigkeiten sowie durch die Boykottaufrufe der Nationalsozialisten gegen jüdische Geschäfte geriet das Unternehmen nur wenige Jahre später immer mehr in finanzielle Schwierigkeiten. Zunächst verkaufte Arthur Knopf die Firma, später auch das Grundstück. Neuer Besitzer wurde Fritz Richter, ein langjähriger Mitarbeiter und Prokurist des Hauses. Unmittelbar nach der Arisierung 1938 wurde Arthur Knopf verhaftet und nach Dachau verbracht. 1939 konnte er in die Schweiz fliehen und überlebte so die Zeit des Nationalsozialismus.

Von Basel aus strengte er nach Kriegsende eine Wiedergutmachungsklage an und erreichte einen Vergleich, der ihm eine 50-prozentige Teilhaberschaft an dem nachgefolgten Kaufhaus Richter, 1950 umbenannt in Kaufhaus für Alle, zusicherte.

 

Die Enteignung jüdischen Eigentums und die Verdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben während der NS-Zeit ist ein Themenfeld, das erst sehr spät in der gesellschaftlichen Diskussion aufgegriffen wurde. Erst seit den 90ger Jahren des letzten Jahrhunderts ist diese Seite der Nazi-Verbrechen konkret in den Blick gerückt. Verschiedene Gründe mögen für dieses Defizit ausschlaggebend sein, allen voran, dass die Aufarbeitung der systematischen und planmäßigen Ermordung von sechs Millionen Juden absoluten Vorrang hatte. Eine Rolle hat sicherlich aber auch gespielt, dass viele nichtjüdische Bürger an den verbrecherischen Machenschaften bei der Arisierung beteiligt waren und die Möglichkeiten zu gewinnbringenden Geschäften wahrnahmen. Bei der Betrachtung der nationalsozialistischen Verbrechen gegen die Juden sollte dieser Aspekt nicht unterschlagen werden.

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