Gedenken zum 81. Jahrestag der Reichspogromnacht

Text und Fotos: Roswitha Strüber

Mit einem abendlichen Konzert am Samstag, den 9. November 2019 im Gemeindezentrum an der Nussmannstrasse erinnerte die Israelitische Gemeinde an die Vernichtung der europäischen Juden und an die Zerstörung der Synagogen in Deutschland vor 81 Jahren. Vorstandsvorsitzende Irina Katz hatte dazu den israelischen Pianisten, Komponisten und Dirigenten Itay Dvori aus Berlin eingeladen, der seit einigen Jahren den Schwerpunkt seines musikalischen Schaffens auf die Komposition und Improvisation am Klavier legt und in zahlreichen europäischen und außereuropäischen Ländern gastiert hat. Für sein Programm hatte Itay Dvori Werke ausgewählt, die entsprechend dem Gedenkanlass einen weiten Spannungsbogen von Dunkel und Licht, von Verzweiflung und Hoffnung widerspiegeln. So spielte Dvori zunächst zwei Stücke von Franz Schubert und Erkki-Sven Tüür, einem neuzeitlichen Komponisten aus Estland; es folgten Variationen eines hebräischen Volksliedes, die der österreichische Komponist Viktor Ullmann wenige Monate vor seiner Ermordung durch Vergasung 1944 in Auschwitz als Teil seiner Klaviersonate Nr. 7 geschrieben hat. Mit besonderer Vorliebe widmet sich Itay Dvori der Entwicklung moderner neuartiger Improvisationsprojekte. Aus seinem Repertoire trug er drei Vertonungen von Graphic Novels vor, die sensibel die erzählten Geschichten begleiten und zugleich auch interpretieren. Das Zusammenwirken von Text, Graphik und Musik ermöglichte dabei den Zuhörern einen überraschenden und neuen intensiven Zugang zu den vertonten Szenen aus „Ein neues Land“ von Shaun Tan, „Vor allem eins: Dir selbst sei treu“ von Barbara Yelin und „Zweite Generation“ von Michel Kichka.

Das Konzert endete mit der Allemande aus Partita für Klavier Nr. 4 von Johann Sebastin Bach und einer Improvisation über das Gedicht “Ein Spaziergang nach Caesarea“ von Hannah Szenes, die als Widerstandskämpferin am 7. November 1944 durch Erschießen hingerichtet wurde. Wenige Monate später nach ihrem Tod vertonte David Zehavi das Gedicht, dessen wenige Zeilen Itay Dvori abschließend in Hebräisch und Deutsch dem begeisterten, aber auch nachdenklich gestimmten Publikum vortrug.

 

Mein Gott, mein Gott,

lass niemals enden:

den Sand und das Meer,

das Rauschen des Wassers,

die Blitze des Himmels

und das Gebet des Menschen

Zuvor um 18.30 Uhr hatte die Stadt Freiburg gemeinsam mit verschiedenen anderen Kooperationspartnern, unter ihnen die Israelitische Gemeinde Freiburg, zu einer Gedenkfeier auf dem Platz der Alten Synagoge anlässlich des 81. Jahrestages der Reichspogromnacht 1938 aufgerufen. An jenem Abend des 9. November und in der darauffolgenden Nacht zum 10. November waren im damaligen Deutschen Reich von den SS- und SA-Truppen des Nazi-Regimes und ihren Helfern mehr als 1400 Synagogen und jüdische Bethäuser in Brand gesetzt und zerstört worden.

Die Gedenkfeiern an diesem Tag seien unverzichtbar, betonte Oberbürgermeister Martin Horn in seiner Eröffnungsrede, damit ein Vergessen der seinerzeitigen Verbrechen wirksam verhindert werde. Denn die Zahl der Zeitzeugen, die aus eigenem Erleben über die furchtbaren Gräueltaten berichten könnten, würde zunehmend weniger. Angesichts der sich mehrenden judenfeindlichen Vorkommnisse der letzten Zeit auf unseren Straßen und in unseren Schulen sei es notwendig, so Horn weiter, dass sich die Gesellschaft insgesamt, aber auch jeder einzelne entschieden diesem Phänomen entgegenstellt und ihm keinen Raum gibt. Jeder sei gefordert und jeder stehe in der gemeinsamen Verantwortung, damit jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger angstfrei ihre Religion und in ihren kulturellen Traditionen leben können. Ein Angriff wie auf den jungen Freiburger Studenten Samuel vor wenigen Tagen in einem Fitness-Studio sei untragbar und inakzeptabel. Ebenso sei es nicht zu akzeptieren, dass mehrere anwesende Studiobesucher außer einem älteren Mann nicht eingegriffen und den Täter in die Schranken verwiesen hätten. Horn schloss mit dem Appell an alle Freiburger Bürgerinnen und Bürger, Antisemitismus und Judenfeindlichkeit überall zu bekämpfen, wo sich dieses Gedankengut zeigt. Denn sie seien ein zerstörerischer Angriff auf unsere freiheitliche Grundordnung und unser demokratisches Selbstverständnis.

 

Auch die folgenden Redner verurteilten jegliche rassistische Propaganda und betonten, dass jüdisches Leben seit Jahrhunderten zu Deutschland gehöre und seine Existenzberechtigung zu keiner Zeit angezweifelt werden dürfe.

Ihren Abschluss fand die Gedenkveranstaltung, an der mehrere hundert Menschen teilnahmen, mit den von Kantor Moshe Hayoun von der Israelitischen Gemeinde gesungenen El Male Rachamim- und Kaddisch-Gebeten.

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