79. Jahrestag der Deportation Freiburger Jüdinnen und Juden nach Gurs

Gedenkfeier auf dem Platz der Alten Synagoge

Text und Fotos: Roswitha Strüber

Das Kulturamt der Stadt Freiburg hatte am Mittwoch, den 23. Oktober 2019 nachmittags zu einem feierlichen Gedenken an die über 450 Jüdischen Männer, Frauen und Kinder auf den Platz der Alten Synagoge eingeladen, die vor 79 Jahren in das südfranzösische Internierungslager Gurs abtransportiert worden waren. Neben anderen Einrichtungen und Organisationen war auch die Israelitische Gemeinde Freiburg als Mitveranstalterin verantwortlich. Vor mehr als 300 Teilnehmern eröffnete Oberbürgermeister Martin Horn die Gedenkstunde und erinnerte in seiner Rede an das unbeschreibliche Leid, das den Freiburger Juden damals im Herbst 1940 von den SA- und SS-Angehörigen der Nationalsozialisten zugefügt wurde. Zugleich warnte Horn vor dem derzeitigen Wiedererstarken antisemitischer Kräfte in unserer Gesellschaft und forderte ein entschiedenes Aufstehen von Staat, Gesellschaft und von jedem Einzelnen gegen rassistisches, antijüdisches Gedankengut. Mit Blick auf die Ereignisse von Halle wenige Tage zuvor –ein rechtsextremer Einzeltäter hatte einen bewaffneten Angriff auf die dortige Synagoge unternommen - erwartete die Vorstandsvorsitzende der Israelitischen Gemeinde Irina Katz in ihrer Rede ein wirksames und nachhaltiges Vorgehen von  Politik und aller staatlichen Behörden gegen jegliche Art von Judenfeindlichkeit. Wörtlich sagte Irina Katz: „Die schrecklichen Vorkommnisse von Halle vor wenigen Tagen haben uns in erschütternder Weise eines Besseren belehrt. Der Hass auf jüdische Menschen, auf ihre Religion und Kultur, ist tiefer in unserer Gesellschaft verwurzelt als wir bisher wahrhaben wollten. Es ist jetzt an der Zeit, sich aufrichtig und ehrlich einzugestehen, dass antijüdisches Gedankengut seit Jahren mitten in unserem Leben wächst und gedeiht. Die im Augenblick von politischer Seite zahlreich zu hörenden und zu lesenden Absichtserklärungen zu einem kompromisslosen Vorgehen gegen jegliche Judenfeindlichkeit in unserem Alltag sind gewiß gut gemeint, aber sind sie auch nachhaltig? Wir hoffen und erwarten es. In der letzten Woche hat die Israelitische Gemeinde Freiburg zu einer Solidaritätskundgebung zum Gedenken an die Opfern von Halle eingeladen. Vehement wurde dort die Forderung formuliert, dass Politik und Gesellschaft, dass Institutionen aber auch jeder Einzelne der Ausweitung von Hass und rassistischer Hetze energisch entgegentreten. Das erfordert Mut, ist aber unabdingbar.“

Mit gleicher Nachdrücklichkeit appellierten Marlies Meckel, Initiatorin der Freiburger Stolpersteinaktion, und auch die Vorsitzende der Gescher Gemeinde in ihren Redebeiträgen an jeden Einzelnen, mit Mut und Entschiedenheit rechtem und muslimischem Antisemitismus entgegenzutreten. Vorgelesene Textpassagen von und über jüdische Gefangene des Lagers Gurs vermittelten einen unmittelbaren Eindruck von der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit der dort Inhaftierten angesichts der täglichen gewalttätigen Übergriffe, der katastrophalen hygienischen Verhältnisse und der fortschreitenden Krankheiten.

Aus Barcelona angereist war Dory Sontheimer, die tags zuvor ihr neues Buch „Das Vermächtnis der sieben Schachteln“ vorgestellt hatte. Erst nach dem Tod ihrer Mutter fand die Autorin sieben Schachteln mit einer Vielzahl von Fotos und Schriftstücken, die über ihre Familiengeschichte und die Deportation der Freiburger Großeltern nach Gurs berichten. Dory Sontheimer las aus einigen der  Schriftstücke aus dem mütterlichen Nachlass. Mit Kaddisch und El male rachamim, vorgetragen von Moshe Hayoun, dem Kantor der Israelitischen Gemeinde, endete die Gedenkstunde am Brunnen auf dem Platz der Alten Synagoge.

In einem langen Schweigemarsch zogen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeinsam mit dem Oberbürgermeister zum Mahnmal „Vergessener Mantel“ auf der Wiwili-Brücke am Freiburger Hauptbahnhof und erinnerten nochmals mit Kranzniederlegungen der von dort aus deportierten Freiburger jüdischen Bürgerinnen und Bürger. Auch an dieser Stelle betete der Kantor die jüdischen Totengebete Kaddisch und El male rachamim. Zum Ende bedankte sich Oberbürgermeister Horn bei allen Anwesenden für ihr Kommen.

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