Achare Mot

Dieser Wochenabschnitt beschreibt zunächst die Arbeit des Kohen (Priester) zu Jom Kippur (Versöhnungstag). An diesem Tag hat er einen besonderen Dienst zu verrichten, und gelangt bis ins Innerste des heiligen Tempels in Jerusalem. Er ist Gesandter des ganzen Volkes. Durch seine Arbeit erreicht er die Versöhnung von Ha-Shem mit dem Volk. Heute haben wir keinen Tempel, der wurde vor 1946 Jahren zerstört. Aber selbst, wenn es einen Tempel gibt, bleibt jedem einzelnen viel überlassen.


Die Aufarbeitung eigener Schuld wird von einem Juden mit der gleichen positiven Energie betrieben wie alle anderen Handlungen des Lebens. Die Mizwot (Gebote) bleiben auch nach einem Fehler die gleichen. Das Leben geht weiter.


Die Torah enthält viele Vorschriften, gerade weil wir nicht perfekt sind. Die eigenen Gefühle sind wesentliche aber ungenaue Wegweiser. Das bedeutet, dass wir uns immer wieder mehr oder weniger absichtlich bzw. fahrlässig irren. Weil das unvermeidlich ist, gibt es genaue Anweisungen zur Versöhnung mit Ha-Shem (und sich selber)1. Das wichtigste ist, sich direkt an Ha-Shem zu wenden, und den Fehler zu sagen, auszusprechen. Der zweite Schritt ist ein Prozess des Lernens, des Nachdenkens, damit man versteht, was man falsch gemacht hat. Der dritte Schritt ist der konkrete Versuch, Strategien zu entwickeln, um sich nicht wieder zu irren.


Ein anderer Schwerpunkt des Wochenabschnitts ist das Verbot, Blut von Tieren zu essen. Dieses Verbot nimmt viel Platz in der Torah in Anspruch. Blut selbst geschlachteter Tiere soll als Rohstoff, als Dünger oder anderweitig verwendet werden; es darf nicht gegessen werden. Zur Zeit eines heiligen Tempels in Jerusalem mit Darbringungen an Ha-Shem steht das Blut der dargebrachten Tiere im Mittelpunkt der Sühnearbeit.


Dazu schreibt Rabbiner Samson R. Hirsch (1808-1888), in seinem Kommentar zu Kapitel 17, Vers 10 – 12 : „Die Nefesh (Seele) des Leibes, dieses unsichtbare Wesen, in welchem die eigentliche Tierindividualität und Menschenpersönlichkeit beruht, ist im Blute gegenwärtig. Vermittelst des Blutes, dieses den ganzen Leib in allen Teilen durchströmenden Mediums, regiert die empfindende, erkennende und wollende Seele Nerven und Muskeln, die nur die Organe ihrer Tätigkeit sind. […] Auf dem Altare, für die Symbolik des Opfers, hat Gott es [das Blut] uns zum Ausdruck für unsere Seele gegeben, dort bedeutet das Blut, dass Sühne nur mit unserer Seele erwirkt werden könne. Wie der Priester das Blut an den Altar hinanschwingt, oder mit ruhigem Finger ihm auf den Höhen des Altares seinen Platz anweist, so hat unsere Seele unser Blut aufs neue zu Gott hinan emporzuheben, oder mit erneuter Kraft der Besonnenheit ihm seinen bleibenden Stand auf den Gotteshöhen zu festigen, wenn eine verfehlte Vergangenheit gesühnt und eine neue gottnahe Zukunft angebahnt werden soll.“


Rabbiner Hirsch erklärt weiter, dass das Blut von Natur aus in enger Beziehung zur Seele steht. Das Blut eines Tieres ist zum symbolischen Ausdruck für die Menschenseele befähigt. Das Verbot des Blutgenusses ist demnach ein Schutz des seelischen Menschencharakters.


Ein anderer Schwerpunkt dieses Wochenabschnitts sind die Inzestverbote. In diesem Bereich sind einige Vorschriften der Torah allgemein anerkannte Grundlagen jeder Zivilisation. Aber die Torah sagt viel mehr als die Zivilgesetze, weil sich die Torah an Menschen richtet, die auf ihren seelischen Charakter achten. Die Torah ist hier explizit, man kann das Wesentliche der Gebote einfach in jeder Übersetzung nachlesen.


Eine jüdische Familie gründen, eine Familie, in der die Gebote der Torah verwirklicht werden, ist die erste Mizwa der Torah. Das ist in der heutigen Zeit schwer. Wir leiden alle unter dem Konsumdruck, der uns sogar den Ehepartner als Gebrauchsgegenstand darstellt. Manche Wirtschaftswissenschaftler und Soziologen, sogar Psychologen, sehen die Familie nur als Mittel, eigene Konsumbedürfnisse zu befriedigen. Diese Einstellung gehört wahrscheinlich zu den in diesem Wochenabschnitt erwähnten Abscheulichkeiten. Familiäre Dramen gibt es auch bei frommen Juden. Die Scheidungsrate ist jedoch geringer, und die Menschen haben gerne viele Kinder. Grundpfeiler einer Geburtenregelung in Entwicklungsländern sind die Schulbildung und Aufklärung der Frauen. Im Judentum haben gerade Frauen mit hohem Ausbildungsgrad viele Kinder.


Die Vorschriften der Torah betreffen auch hier viel mehr als nur äußere Handlungen. An einer Stelle sagt der Talmud sogar, dass in gewisser Weise ausschweifende Gedanken schlimmer sind als die Handlung (Joma 29a). Seinen seelischen Charakter schützen bedeutet u. a., auf seine Ausdrucksweise zu achten (Schabat 33a) und nichts provozierendes anzuschauen (Awoda Sara 20a).


Der Mensch verbindet in seinem Wesen Himmlisches und Irdisches. Er soll die Verbindung zwischen den beiden Bereichen herstellen. Deshalb soll er auf Irdisches achten. Das Irdische verlangt nach seiner Aufmerksamkeit. Aber nicht jeder Ruf des Irdischen ist legitim, nicht jede Ausdrucksform ist gerechtfertigt. Die Konjunktion zwischen den beiden Bereichen ist nicht einfach zu erreichen. Dazu steht viel im Talmud.

 

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1  Rambam, Hilchot Teschuva

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