Pessach - Erster Abend

 

Einleitung (vor Kiddusch)


Der Text, den wir am Abend von Pessach lesen, beschreibt zwei sehr schmerzvolle Fakten :
Erstens: Wir waren Sklaven in Ägypten
Zweitens: Unsere Vorfahren waren schlechte Menschen


Die Juden waren 210 (zweihundertzehn) Jahre in Ägypten. Am Anfang war es gut. Die Juden wohnten in einer eigenen Provinz, getrennt von den Ägyptern. Es war noch wie eine Familie. Diese Familie hatte einen hohen moralischen Standard. Sie wurde von Avraham, Itzchak und Jakov gegründet und aufgebaut. Solange die Juden getrennt von den Ägyptern gelebt haben, haben sie gut gelebt. Sie waren solidarisch, haben sich gegenseitig geholfen, waren ehrlich und offen.


Aber dann sind die Juden in andere Provinzen von Ägypten gegangen und haben mit den Ägyptern zusammen gelebt. Sie haben viele der Werte ihrer Väter vergessen. Sie wussten am Ende nur noch, dass sie Juden sind, denn sie hatten besondere Namen, eine eigene Art zu sprechen und sich zu kleiden.


Die Ägypter haben bald gesehen, dass die Juden gut arbeiten, und haben die Juden als Arbeiter genommen. Daraus wurde langsam Sklaverei. Die Juden haben darunter sehr gelitten. In der Not hat jeder versucht, sich selbst zu retten. Es gab fast keine Solidarität mehr. Das ging soweit, dass die Juden ihre eigenen Kinder für die Arbeit geopfert haben. Nur Moshe Rabbenu hat sein Leben riskiert, um einen Juden zu retten.


Ha-Shem hat unsere Väter aus dieser grausamen Sklaverei befreit. Die Torah beschreibt vier Aspekte der Befreiung. Deshalb trinken wir vier Becher Wein.

 

- Er hat uns von der Armut befreit: die Ägypter hatten uns grenzenlos ausgebeutet, durch Steuern, Fronarbeit. In der Torah steht: we-hozeti, Ha-Shem hat uns aus Ägypten herausgeführt, das hat die Ausbeutung und die bittere Armut beendet.
- Er hat uns von der körperlichen Qual befreit: die Ägypter hatten uns schwer misshandelt und gepeinigt, um unsere Körper zu zerstören. In der Torah steht: we-hizalti, Ha-Shem hat uns gerettet.
- Er hat uns von der Erniedrigung befreit: die Ägypter hatten nur Hohn und Spott für uns und haben uns aufs äußerste erniedrigt und gedemütigt, sie haben uns unsere Ehre genommen. In der Torah steht: we-gaalti, Ha-Shem hat uns von der Scham und Schande erlöst.
- Er hat uns aus der moralischen Zerstörung befreit, wir waren moralisch so geschwächt, dass wir uns gegenseitig verraten und angezeigt haben. Wir waren kaum mehr von den Ägyptern zu unterscheiden. In der Torah steht: we-lakachti, Ha-Shem wird uns als Sein Volk nehmen und uns moralisch aufrichten1.

 

Die vier Fragen (vor Ma nischtana): Mazzah


Diese Fragen sind sehr präzis. Sie betreffen das Essen. Man kann auch andere Fragen stellen. Aber diese vom Text gegebenen Fragen betreffen das Essen.


Warum nur Mazzah? Mazzah ist die einfachste Form von Brot, mit dem geringsten Aufwand. Ein aufs Wesentliche reduziertes Brot. So etwas haben die Sklaven gegessen, als Hungerlohn. Mazzah muss man lange kauen, sie wird langsam verdaut, man muss nicht viel davon essen, um arbeiten zu können. Diese Rückkehr zum Wesentlichen, zum Einfachen, öffnet aber auch den Weg zur Befreiung.


Man erzählt einen Witz: der amerikanische Präsident fragt Ben Gurion, wieso die Juden nach 2000 Jahren Exil immer noch existieren und nach Israel wollen. Darauf fragt Ben Gurion, wann der amerikanische Nationalfeiertag ist.

 

- Am 4. Juli
- Und was machen Sie an diesem Tag?
- Wir erinnern uns an die Unabhängigkeitserklärung von 1776
- Ah, und wie machen Sie das?
- Wir halten Ansprachen über die Werte der amerikanischen Nation, über die Freiheit, so wie es damals war, damit das auch den nächsten Generationen weitergegeben wird.
- Damals, 1776, da gab es sicher ein Festessen?
- Ja, natürlich.
Und erinnern Sie sich, Herr Präsident, an das Menü dieses Banketts?!


Die Mazzah hat eine konkrete Wirkung auf den Körper, sie ist nicht so sehr ein Symbol, eher ein
Erlebnis, das wir jedes Jahr neu erleben.


Marror, die bitteren Kräuter


Die bitteren Kräuter sind erlebte Erinnerung an die Enttäuschungen, die Schmerzen, den Hunger, die Angst, das Leid, die Demütigung, in Ägypten. Die Hoffnungslosigkeit. Es war für die Juden unvorstellbar, ein anderes Leben führen zu können, das Leben, von dem Avraham Itzchak und Jakov gesprochen hatten. Ein geistig erfülltes Leben, ein Leben mit guten Beziehungen zwischen den Menschen, ohne Angst, ohne Stress, ein Leben, in dem man stolz darauf ist, Jude zu sein, anerkannt und respektiert von der Umwelt, ein Leben ohne ewigen Druck von außen und von innen.


Die vier Söhne

 

Die Söhne stellen Fragen, dadurch wird der Sederabend lebendig. Jeder fragt aus seiner Situation heraus. Eigentlich verbindet jeder Mensch diese vier Söhne in seiner Person. Die vier Söhne sind nur vier Seiten der Persönlichkeit.

 

- Erklärt mir bitte, was die Vorschriften der Torah für Euch sind. - Dieser Mensch will lernen, was die Torah bedeutet, er kann sich an den Erfahrungen und Lehren der anderern orientieren um sein Leben zu gestalten.
- Was bringt Euch denn das ? Was soll denn das ? - Dieser Mensch zweifelt stark. Er kann es nicht glauben, dass er sein Leben ändern könnte. Da ist zwar etwas, das er gerne ändern würde, eine Gewohnheit, von der er sich gerne befreien würde, aber das scheint ihm ganz unmöglich. Und trotzdem ist er da, am Sedertisch. In Ägypten wäre er nicht befreit worden. Aber heute, nach dem Auszug aus Ägypten, gehört er zu den Befreiten.2

 

We-hi sche-amda

 

Der Hass auf die Juden ist immer latent da. Wir können nirgends in Ruhe unser Judentum leben. Die Völker finden uns exotisch, skurill, oder lehnen uns schlechtweg ab. Baruch Ha-Shem gibt es über lange Epochen Frieden und Toleranz. Aber eine wirkliche Anerkennung gibt es fast nicht. Die Existenz des jüdischen Volkes ist ein Wunder, ein Hinweis darauf, dass Ha-Shem die Geschicke der Menschheit leitet. Kein anderes Volk der Antike existiert heute noch, mit den gleichen unveränderten Texten, nach 2000 Jahren Exil und immer neuen Katastrophen.3 Die Blüte des jüdischen Volkes in Israel und auf der ganzen Welt, nach den Jahren der Zerstörung, wie kann man das erklären?


Die 10 Plagen


Diese Ereignisse sollten die Ägypter zur Einsicht bringen, damit sie die brutale Unterdrückung aufhören und die Juden endlich gehen lassen.4 Aber die Ägypter wollten uns nicht frei gehen lassen. Die Unterdrücker sind in einem starren Denksystem gefangen, erst die letzte Katastrophe bringt vorübergehende Einsicht.


Pessach, Mazzah und Marror


Jetzt kommt bald das Essen...
Hier noch eine Aufforderung, die Speisen zu bezeichnen, ihren Sinn offenzulegen.

- Pessach, weil es uns geistig und seelisch fast so schlecht wie unseren Unterdrückern ging, Ha-Shem mussten darüber hinwegsehen. Das Pessach-Fleisch gibt es heute nicht, weil der Tempel zerstört ist. Die Mazzah am Ende des Essens ersetzt dieses Stück Fleisch ; ähnlich ersetzen unsere Gebete die konkrete Darbringung von Tieren im Tempel.
- Mazzah, weil alles ganz schnell ging, plötzlich war die böse Macht der Ägypter verschwunden, auch aus unserem Verstand. Das Unvorstellbare ist wahr geworden.
- Marror, weil sie uns das Leben so schwer gemancht haben, nicht nur die Anstrengungen, sondern auch die Erniedrigungen, die Sinnlosigkeit, die Hoffnungslosigkeit, das Verzweifeln.


Von all dem hat Ha-Shem uns befreit.


Zum Dank singt man dann.

 

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1 Rav Asaria Figo (1579-1647), Bina le-Itim, in Talelei Orot 13

2 Rabbi Zaddok Ha-Kohen, Hagada, aus dem Gedächtnis
3 Siddur Rabbi Jakov Emden, Einleitung, zitiert von Rav Abitbol, aus dem Gedächtnis
4 Rabbiner S. R. Hirsch, Kommentar zu Exodus 12, 2

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