Pessach - Zweiter Abend

Einleitung (vor Kiddusch)

 

Der Text, den wir am Abend von Pessach lesen, beschreibt zwei sehr schmerzvolle Fakten:
Erstens: Wir waren Sklaven in Ägypten
Zweitens: Unsere Vorfahren waren keine guten Menschen

 

Wir sind Nachkommen von Terach. Terach war der Vater von Avraham, er hat vor etwa 3850 (dreitausend-achthundert-fünfzig) Jahren gelebt. Terach hatte kleine Statuen bei sich zu Hause, die er angebetet hat. Eines Tages hat sein Sohn Avraham diese Statuen zerstört. Da fragte ihn Terach, wieso die Statuen zerschlagen sind. Avraham antwortete, dass die Götter untereinander Streit hatten, und sich gegenseitig zerstört hätten. Das wollte Terach nicht glauben, Statuen aus Holz können sich doch nicht bewegen...


Terach der Götzendiener weiß also im Grunde genau, dass seine Religion auf einer Lüge beruht. Das angebetete Objekt ist seine eigene Erfindung, er beherrscht es. Davon kommt kein Anstoß zu einem moralisch besseren Leben. Und Terach reagiert sehr böse auf die Zerstörung seiner angebeteten Gestalten: er zeigt seinen eigenen Sohn den Behörden an, Avraham wird verhaftet, zum Tode verurteilt, und ins Feuer geworfen. Er kommt aber lebendig heraus, und Terach wandelt sich langsam.


Das ist die Familie, aus der unser Volk kommt. Menschen, die die eigenen Kinder aus religiösem Wahn, aus Faulheit, aus Bequemlichkeit, aus Gewinnsucht und Habgier und Machtstreben verraten und ins Feuer werfen lassen. In Ägypten haben wir unsere Kinder lebendig eingemauert. Nur durch ein Wunder, durch den direkten Eingriff von Ha-Shem in die Geschichte, konnten wir ein Volk bilden. Dieses Erbe tragen wir in uns, auch wenn wir alles tun, um es nicht zu sehen. Die Hagada erinnert uns daran, dass wir viel Schlechtes tun können. Wir müssen uns anstrengen, damit es mit Ha-Shems Hilfe nicht passiert.


Befreiung bedeutet hier: Befreiung von inneren Zwängen, von zerstörenden automatischen Reaktionen in Stresssituationen, von all dem in uns, das uns immer wieder scheinbar zwangsläufig zu schlechten Handlungen treibt. Die Torah, durch Lernen und Erleben, ist auch ein Training zum Menschsein, Coaching in Ethik.


Maggid: erzählen

 

Wenn ein Mensch die Befreiung aus Ägypten erzählt, dann weckt das ihn ihm große Kräfte. Auch wenn er anfangs auf einem sehr niedrigen moralischen Niveau ist, kommt er durch die Erzählung zu einer höheren Stufe.1 Diese Erzählung weckt unsere Würde, macht uns stolz darauf, Juden zu sein. Ha-Shem hat uns gerettet, obwohl wir es überhaupt nicht verdient hatten. Das hilft schon, gibt Kraft zum Widerstand gegen vorschnelles, unbedachtes Handeln.


Die vier Fragen (vor Ma nischtana): matbilin, Eintunken

 

Das erste Eintunken ist am Anfang des Sederabends, Karpas. Das zweite ist kurz vor dem Essen, man tunkt die bitteren Kräuter, Marror, in das süße Charosset.


Ein Kommentar bemerkt dazu, dass es in der Torah auch Stellen gibt, wo etwas eingetunkt wird. Die erste Stelle2 ist beim Streit zwischen Joseph und seinen Brüdern. Die Brüder verkaufen Joseph als Sklaven und tunken sein Gewand in das Blut eines Ziegenbocks, damit Jakov, der Vater, glaubt, ein Tier habe ihn gefressen.


Nach diesem Ereignis kommt die ganze Familie ins Exil nach Ägypten. Sie bleiben 210 Jahre in Ägypten und werden zu einem Volk.


Die zweite Stelle ist am Ende dieser 210 Jahre, beim Auszug der Juden aus Ägypten.3 Die Juden tunken ein Stück Holz in das Blut des Pessachopfers (ein Lamm oder ein Zicklein) und tragen das Blut damit auf die Türpfosten ihrer Häuser. Das schützt sie in der Nacht der zehnten Plage, als alle Erstgeborenen in Ägypten sterben.4  

 

Ähnlich ist es mit Karpas und Marror. Am Anfang tunkt man ein Stück wohlschmeckendes Gemüse in Essig (Tränen), am Ende nimmt man dem Marror sein Gift. Wenn man konsequent lernt, zwischen angenehmen und moralisch gutem zu unterscheiden, also das angenehm schmeckende als manchmal schlecht (Tränen) anerkennt und dann auch abweist, dann kann auch der Marror seinen Giftstachel verlieren.


Messubin, sich anlehnen


An diesem Abend ist auch der seelisch ärmste Jude ein freier Mensch, allen anderen gleichgestellt in seiner Würde und seiner Nähe zu Ha-Shem. Selbst wenn am Tisch ein Chef und sein Diener zusammensitzen, sind beide frei. Auch ein Sohn am Tisch seines Vaters lehnt sich bequem an.


Die vier Söhne

 

Die Söhne stellen Fragen, dadurch wird der Sederabend lebendig. Jeder fragt aus seiner Situation heraus. Eigentlich verbindet jeder Mensch diese vier Söhne in seiner Person.


– Hallo, was ist denn das? Dieser Mensch sagt geradeheraus, was er empfindet, ohne viel nachzudenken. Und bekommt auch eine klare Antwort: es brauchte eine starke Hand, um uns aus Ägypten zu befreien. Die inneren Widerstände gegen ein moralisch höheres Leben sind viel stärker, als man meint. Es ist unglaublich schwer, eine Gewohnheit abzuschütteln, auch wenn man sie als negativ erkannt hat. So einfach, ohne Anstrengung, geht es nicht.


– ... der letzte kann keine Frage stellen. Setz Dich still zu ihm, höre seinem Schweigen gut und vor allem gutgesinnt zu. Vielleicht beginnt er zu fragen.


Ze u-lemad: Geh hinaus und lerne, Lavan, der Schwiegervater von Jakov


Lavan ist ein Heuchler. Es geht ihm eigentlich nur ums Geld, um Macht. Für das Judentum ist der Lavan in unserem Herz gefährlicher als jede physische Verfolgung. Judentum ist ein Kampf gegen Selbsttäuschung, und gegen die Täuschung anderer.

 

Mazzah su, diese Mazzah

 

Der Moment der Befreiung ist zeitlos. Er ist nicht die logische Konsequenz einer erfolgreichen Revolte, dazu waren die Juden viel zu schwach. Ha-Shem hat uns befreit, allein hätten wir das nie geschafft.

 

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1 Rebbe von Alexander, in Maayana shel Torah, 27
2 Genesis 37, 31

3 Exodus 12, 22
4 Rabbi Elieser Ashkenasi (1512 - 1586), in Talelei Orot 54

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